Für Volker und alle; die noch wollen...

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Re: Für Volker und alle; die noch wollen...

Beitragvon Gerda » 22. Februar 2008 00:03

Es gibt sehr viele Meinungen dazu, was Gewalt ist, wo sie anfängt usw. Das Erleben von Gewalt ist nicht zwangsläufig daran gebunden, dass jemand die Absicht hat, jemand anderem Schaden zu zu fügen. Ein Frontalzusammenstoß von 2 PKW ist total viel Gewalt und es ist keine Absicht dahinter.

Aber das führt jetzt ein bisschen zu sehr ins Detail, Frank, denn mir geht es gar nicht darum, die Gewalttätiges zu unterstellen. Denn du bist ja ein Mensch der nichts mehr verabscheut, als Gewalt, wenn ich dich so lese in der ganzen Zeit, seit du hier schreibst. Und das glaube ich sofort.

Ich finde es richtig, Gewalt zu ächten. Gewaltlosigkeit ist einer der wichtigsten Werte für mich. Da ich als Kind sehr viel Gewalt erlebt habe - meine Eltern hingen der schwarzen Pädagogik an - war es für mich höchstes Ziel, nicht gewalttätig zu sein, und ich bemühte mich um kaum etwas mehr, als darum, gewaltlos meine Kinder zu erziehen und auch so mit anderen Menschen umzugehen.

Irgendwann im Laufe meiner Ausbildung begriff ich aber, dass ich - und jeder andere Mensch - ein Gewaltpotential in mir trage. Den Samen, gewalttätig zu sein. Und dass ich das auch war. Ich war am meisten gewalttätig mir selbst gegenüber. Das hielt ich damals für moralisch wertvoller, mußte aber lernen, dass auch das nicht besser war. Es war nur weniger für andere zu spüren. Aber dennoch litten sie darunter.

Gewalt sich selbst gegenüber durch Unterdrückung der eigenen Lebendigkeit, durch Funktionieren wollen, durch fehlende Selbstliebe ist ein weites Kapitel. Ich glaube, das kann nur dann wirklich wirksam verstanden werden und es können nur Wege gefunden werden, wenn das Gewaltpotential immer wieder angeschaut wird.

Deine große Angst, die Kontrolle zu verlieren, kann ich sehr gut verstehen. Und ich finde es auch total wichtig, die KOntrolle immer zu behalten, ohne eine einzige Ausnahme. Also keine "mir ist mal die Hand ausgerutscht" - Haltung. Meine Erfahrung ist es aber, dass es nicht notwendig miteinander verbunden ist, die Kontrolle zu behalten und Gefühle zu unterdrücken oder nicht zuzulassen. Ich kann Mordswut spüren und sie einfach nur spüren und dann wieder zu meiner Mitte zurückkehren. Das ist nicht mit dem Zwang, etwas auszuagieren verbunden, sondern eine Entscheidung, WANN ich sie WIE ausdrücke.

LG
Gerda
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Re: Für Volker und alle; die noch wollen...

Beitragvon Susi sonnenschein » 22. Februar 2008 01:12

Hallo Frank.

Du hast mir geschrieben, daß ich noch einmal in diesem Tread lesen soll.
Das tue ich.
Ich habe das Thema von Euch weiter verfolgt, aber traute mir nicht mehr zu schreiben.
Hatte Angst, die falschen Worte zu schreiben.
Blieb lieber erst einmal im Hintergrund.
Und doch kommen Gefühle hoch, darum schrieb ich in meinem Tread.
Ich bin noch nicht soweit, um bei Euch mit zu kommunizieren.
Es ist sehr viel, was ich erfasse, aber nicht ausdrücken kann.
Wenn Du Dich besinnst, lerne ich gerade wieder, mich mitzuteilen.
Doch im täglichen Miteinander ist es total schwer, darum wählte ich den Weg über das Forum und wachse seitdem.
Als ich Euer Thema fand, reagierte ich emotional und dachte über keine Folgen nach.
Schrieb einfach, wie ich empfand.
Doch als ich Eure Antworten las, schallt ich mich und dachte: "Susi, da hast Du Dich zu weit aus dem Fenster gelehnt, zieh Dich zurück."
Ich fühlte mich falsch verstanden.

Ich habe Deine Zeilen gelesen und fand es toll, dass Du einen Weg für Dich gefunden hast, Deine Wut raus zu lassen.
Doch ich spürte auch, dass Du das Training absolviert hast, um gewappnet gegen Deine Angst zu sein und war wütend, weil über Deine Aussage, darum schrieb ich so.

Viel ist in meinem Kopf, doch lasse ich nur Bruchstücke raus, bin oftmals unverständlich.
Mein Partner ermutigt mich schon immer, deutlicher zu reden.
Er sagte immer: „ Ich weiß nicht, was Du denkst, rede mit mir.“
Doch verlernte ich das richtige Reden., seitdem isoliere ich mich ja auch und suche nach Hilfe.
Oft sagte, ich: "Das meine ich doch, aber nutze falsche Worte."
Ich sagte,was, dann übersetzte er es mir.

Und liebe Gerda, Deine Worte ließen mich nachdenken.
Du hast Recht, ich beurteile meine Gefühle als negativ oder positiv.
Für mich gehören sie auch einfach dazu.
Das macht mich aus.
Doch lasse ich diese Gefühle raus, wofür ich ermahnt, missachtet ect werde, dann sind sie für mich negativ.
Diese Gefühle hat nie einer bei mir sehen wollen, also mag ich sie nicht an mir.
Und doch sind sie da.
Wohin mit ihnen?

Und liebe tarsshaft.
Ich habe über Dein Warum nachgedacht.

Ich denke,
es hat mit Akzeptieren und Loslassen zu tun
Die Freude, das Positive akzeptieren, erwarten wir oft sogar und verstehen wir, können los lassen, vergessen schnell.
Das Negative lehnen wir ab, hinterfragen, bemitleiden uns, verspüren Rache, lassen nicht los, da wir nicht vergessen wollen.

Mein Fazit:
Verarbeitung ist notwendig, um akzeptieren, verstehen zu lernen, vergeben können, los lassen können.
Folge:

Uns wieder an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen.
(die Sonnenstrahlen, das Zwitschern der Vögel, die Natur genießen usw.…

Jetzt habe ich doch mehr geschrieben, als ich wollte.
Und ich fühle mich mutig.
Und mit den Zeilen möchte ich mich auch entschuldigen, wenn ich zu forsch bin.
Ich lerne und ich freue mich, dass Ihr mir dabei helft.
Denn das tut Ihr wirklich und es tut mir gut.
Danke

Liebe Grüße an Euch
Sendet Euch
Susi, die 34 ist, aber doch wie ein Teenager lernen muss.
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Re: Für Volker und alle; die noch wollen...

Beitragvon MarliJo » 22. Februar 2008 01:17

Hallo Frank,

während du nun nachdenkst, versuche ich mal ein wenig mitzudenken.

Bine schrieb es ja schon >>Du kannst deine Vergangenheit nicht verdrängen, aber du solltest nicht an ihr verzweifeln<<
Dort möchte ich noch mal einhaken und erlaube mir hierfür einmal, meine Signatur zu benutzen.
"Das Leben ist wie Zeichnen ohne Radiergummi".
Frank, unser ganzes Leben besteht eigentlich täglich daraus, dass wir uns "Bilder" malen. Das sind manchmal kleine, flüchtige
Bilder mit wenigen Strichen, die im nächsten Augenblick schon fertig sind oder manchmal sind es Gemälde, an denen wir tage,-wochen,-monate,--- lang sitzen (vielleicht ohne dass sie richtig vollendet werden). In manchen unsere Bilder zeichnen Andere einfach mit - ob wir es wollen oder nicht. Es entsteht jedenfalls etwas Bleibendes.
Die schönen Bilder mögen wir alle,obwohl sie oft genug in die Ecke gehängt werden, dort wo wir sie selbst viel zu wenig wahrnehmen.
Die Bilder, die uns nicht Gefallen, die wir in unserer "Gallerie" (=Kopf) nicht so gerne haben wollen, würden wir natürlich am liebsten rausschmeissen oder zuhängen. Das funktioniert natürlich nicht : Weil es imaginäre Bilder sind !
Aber auch diese Bilder haben ihren Wert, denn sie sind mit Erfahrungen gefüllt, aus denen wir etwas lernen können.
Was ich damit ausdrücken möchte, Frank, ist, dass wir aufgrund DER Bilder, die wir selbst als "fehlerhaft" wahrnehmen, die Möglichkeit haben, uns dieses störende Bild näher zu betrachten und dann ein NEUES Bild zu zeichnen. OHNE, dass wir die vorher entstandenen Bilder wegradieren - denn dann bleiben Schatten zurück.

Ein Wort noch zur Gewalt.
Da fragst > Ist Schreien ebenso Gewalt wie Schlagen ? <

JA, ich glaube das auch.
Es kommt mir hier garnicht so sehr auf das Schreien an. Es sind eher die Worte, die Gewalt ausüben können.
Nicht nur der Ton macht die Musik - auch die Noten (der Inhalt). Piano oder forte kann da ziemlich egal sein.
Es kommt bei der Ausübung von Gewalt glaube ich auch sehr darauf an, WAS der "Gewaltnehmer" als Gewalt empfindet.
Und wie das Verhältniss zwischen Gewalttäter und Opfer ist (je besser ich mein "Opfer" kenne, desto besser kann ich es dort treffen, wo es wehtut).
Ich könnte dir viele Beispiele aufzählen, in denen mir bloße Worte, oder auch Schweigen, als Gewalt vorkamen.
Aber ich denke, du findest selbst genug Beispiele in deinem Leben oder ganz allgemein im Weltgeschehen.

DIr/Euch liebe Grüße
MarliJo
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Re: Für Volker und alle; die noch wollen...

Beitragvon FSapiatz » 22. Februar 2008 09:55

Hey, MarliJo,

Nee Großer, da passt etwas nicht!

Denn: (das sei kein Vorwurf!) Ich artikuliere keine WORTE, wenn ich schreie, es sind tatsächlich tierisch klingende (und darum wohl auch so furchteinflößend für Viele) Laute, die mich - ? - ? – meine Grenze ziehen lassen. Es gibt keinen Inhalt, außer: „Komm mir nicht zu nahe – sonst passiert (für Dich) eine Katastrophe!!!“

Deine Worte

>> Und wie das Verhältnis zwischen Gewalttäter und Opfer ist (je besser ich mein "Opfer" kenne, desto besser kann ich es dort treffen, wo es wehtut).<<

lassen mich Widerspruch einlegen, denn: je besser ich ein (potentielles) Opfer kenne, umso besser kennt er/sie mich eben auch... .

Wenn Du in dem Moment des Schweigens, beim äußern bloßer Worte, Gewalt (gegen Dich) empfindest, dann hast Du verkannt, dass eben dieses Gefühl nur in Dir begründet liegt ...

>>und damit schließe ich einen weiteren Kreis zu unserem „Gefühlsthema“ =) <<


Liebe Grüße sendet

Frank
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Re: Für Volker und alle; die noch wollen...

Beitragvon Yvaine » 10. Januar 2009 04:09

Liebe Lesende (falls noch jemand mitliest?)

Ich wollt nur kurz auf die Nähe eingehen. Im Sinne von Opfer und Täter.

Ein falsches Wort kann oft Katastrophen auslösen. Ist das nich genau der Grund, weshalb man ein "Problem mit Nähe hat"? Man mag keine Angriffsfläche von sich preisgeben. Es fällt mir sehr schwer, Menschen voll zu vertrauen, weil ich dann weiß, dass ich verletzlicher Ihnen gegenüber bin, als gegenüber Fremden. (Und ich kenne zumindest einige Menschen, deren Freundschaft ich mir schleppend erkämpft habe, denen es genauso geht. Ganz schön schwer, bei solch vorausgesetzten Phantasien an Menschen heranzukommen)

Natürlich kenne ich sie dann auch besser, Frank, aber nur weil ich sie dann auch besser "zurückverletzen" kann, heißt ja nicht, dass das für mich zu Option steht. Gut, verletzter Stolz und Rache gehen Hand in Hand, aber prinzipiell versteht ihr, was ich meine, oder?
Und jemanden gut zu kennen macht es nicht besser. Weil man dann nämlich einen vielfach höheren Schmerz erlebt. Weil man nämlich auch genau weiß, WER ein verletzt hat. Und der WER ist in dem Fall jemand, von dem man das weder erwartet, noch sich gewunschen hat.

Ich glaube, Vertrauen und Verletzlichkeit sind zwei Konstanten im Leben, die manchmal Hand in Hand gehen, manchmal aber auch Gegenspieler sind.

Was denkt Ihr?
Müde Grüße, K.
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Re: Für Volker und alle; die noch wollen...

Beitragvon Volker » 13. Januar 2009 22:27

Hallo keml,

ja, ich denke das ist so, woe du es beschreibst. Und deshalb gehen manchmal gerade jene Beziehungen in die Brüche, in denen "Nähe" spürbar ist. Täter oder Opfer ... sind immer nur zwei Seiten einer Medaille. Für mich steht am Ende aber immer die Frage: Was will "heil", bzw. ganz werden????
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Re: Für Volker und alle; die noch wollen...

Beitragvon Yvaine » 2. März 2009 22:25

Oh ja, Volker, spürbare Nähe kann den Umgang zweier Menschen sehr, sehr kompliziert machen. Die Erfahrung habe ich machen müssen. Aber wenn man bereit ist, etwas zu geben, sich etwas zu öffnen, kann man darüber auch etwas sehr, sehr großes gewinnen. Z.b. Freunde für's Leben!

Liebe Grüße

PS: Was will heil werden. Seht tiefe Frage. Mein Freund hat mir schon öfter "vorgeworfen", dass ich nicht heil werden will und mir alles komlizierter mach, als es ist... darüber muss man sich auch mal Gedanken machen.
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Re: Für Volker und alle; die noch wollen...

Beitragvon Volker » 3. März 2009 21:59

Das mit dem "geben" musst du mir näher erklären. Das habe ich nicht genau verstanden glaube ich. Kannst du mir ein Beispiel geben?
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