Vergeben Verzeihen Vergessen

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Vergeben Verzeihen Vergessen

Beitragvon Gerda » 6. Februar 2009 11:55

In der letzten Zeit ist mir wieder häufiger das Thema Vergeben, Verzeihen im Forum begegnet, in einzelnen Threads. Ich würde daraus gerne mal ein eigenes Thema machen und zum Mitteilen der eigenen Erfahrungen einladen. Ich dachte sogar, wir hätten darüber schon mal in einem eigenen Thread geschrieben, aber ich finde im Moment keinen.

Was hast du für Erfahrungen mit Vergeben und Verzeihen gemacht? Kannst du selbst anderen verzeihen? Kannst du DIR SELBST verzeihen? Gibt es Unverzeihliches für dich? Fühlst du einen Zusammenhang zwischen Verzeihen, Loslassen und Neuanfang? Was "sagt" dein Herz zum Thema? usw.

LG
Gerda
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Re: Vergeben Verzeihen Vergessen

Beitragvon tarsshaft » 6. Februar 2009 13:05

Liebe Gerda,

auch mir ist das Thema Verzeihen in letzter Zeit sehr intensiv begegnet. Aber nicht hier im Forum, sondern im wahren Leben.

Es gibt jemanden, der mir sehr viel bedeutet. Dieser jemand konnte leider nicht authentisch sein und hat mich deshalb sehr verletzt. Meine erste Reaktion war Traurigkeit, gepaart mit Enttäuschung. Dann veränderte sich das Gefühl und wurde zu einer Wut, gepaart mit Enttäuschung.

Ich wollte diesen Menschen aber nicht mit diesem schlechten Gefühl aus meinem Leben gehen lassen, also habe ich versucht zu verstehen, warum er so „unauthentisch“ gehandelt hatte. Ich habe mich noch einmal auf die Suche gemacht nach seinem Inneren. Was ich da gesehen habe, hat mich verstehen lassen. Ich konnte sein Handeln verstehen.

In diesem Moment habe ich gespürt, wie sich Wut und Enttäuschung auflösen. Das war ein schöner Augenblick. Noch schöner war, dass ich ihm sagen konnte, dass ich ihm verziehen habe. Und am allerschönsten war, dass sich dieses Verzeihen zu 100 Prozent authentisch angefühlt hat.

Liebe Grüße,

tarsshaft
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Re: Vergeben Verzeihen Vergessen

Beitragvon Volker » 6. Februar 2009 15:37

Hallo Gerda,
der link ist dieser hier:

http://www.scheidungskinder.de/viewtopic.php?f=4&t=3885

LG
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Re: Vergeben Verzeihen Vergessen

Beitragvon Gerda » 7. Februar 2009 00:02

Ja, stimmt, jetzt erinnere ich es auch wieder, danke Volker!

Zuerst dachte ich, dann verbinde ich die Threads. Aber da wir dort sehr vom Thema abgekommen sind und auch wieder neue UserInnen hier sind, die das Thema wieder in jüngster Zeit angesprochen haben, können wir ja auch jetzt hier weiterschreiben. Herzliche Einladung noch mal.

LG
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Re: Vergeben Verzeihen Vergessen

Beitragvon MarliJo » 7. Februar 2009 00:16

Liebe Gerda !

Vergessen "liegt" wohl eher denjenigen, die nicht verzeihen möchten oder können. Doch ich glaube, dass es Dinge in unserem Leben gibt- meistens schon aus der Kindheit-, die unvergesslich bleiben. Sie bilden immer dann eine Barriere auf unserem Weg, wenn wir uns dieser Dinge erinnern und die es dann,je nach Schweregrad, mühevoll zu überwinden gilt.

Vergeben und verzeihen allerdings, anderen und sich selbst, eröffnet den Weg für etwas Neues. Vergessen wollen hat für mich etwas zwanghaftes, Verzeihen etwas freiwilliges - und ist in sofern etwas in sich stimmiges.

Anderen zu vergeben, finde ich aus meiner Erfahrung fast leichter, als sich selbst. Denn dazu muß man 1. sich seine eigenen Schwäche enthüllen, 2. den Ursachen dafür ins Auge sehen und 3. diese Schwäche annehmen können (im Sinne von 'ich konnte es bisher nicht besser, möchte es aber in Zukunft besser machen'). Wobei der letzte Schritt sicher der Bedeutenste ist,... führt er doch zu einem besonneneren Umgang mit sich selbst.

MarliJo
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Re: Vergeben Verzeihen Vergessen

Beitragvon Faith » 7. Februar 2009 00:18

Hallo,

Verzeihen ist für mich zur Zeit auch gerade ein sehr großes Thema, daher hat mich der Thread sehr angesprochen.

Ich finde, Verzeihen ist etwas ganz Grundlegendes, damit man selbst glücklich und zufrieden werden kann und mit sich selbst ins Reine kommt. Das bedeutet jedoch nicht, dass es deswegen leicht wäre - im Gegenteil, ich empfinde es als etwas unglaublich Schweres. Meiner Meinung nach hat Verstehen, Einsicht (in das Leben/die Gefühlslage der Person, der ich Verzeichen möchte), Verständnis und Loslassen eine Menge damit zu tun. Wenn ich verstehe, warum eine Person so oder so gehandelt hat, fällt das Verzeihen viel leichter, da ich aus meiner einseitigen Perspektive herauskomme und mich, vielleicht auch nur für einen Moment, in die Sichtweise des anderen einfühlen kann. Dennoch ist das Ganze nicht leicht, denn, auch wenn mir die Beweggründe der anderen Person (zum Teil) klar sind, bleibt meine Verletzung ja immer noch irgendwie bestehen. Die Kunst besteht wohl darin, darüber hinauszuwachsen.. 'grübel'

Ich glaube auch, dass viele Dinge, die wir anderen vorwerfen und ihnen nicht verzeihen können - dass wir viel davon eigentlich uns selbst nicht verzeihen können. Da empfinde ich persönlich noch Unverzeihliches..

Vielleicht läuft Verzeihen auch in vielen kleinen Schritten ab. Es gibt Momente, da fühle ich mich offen und weich, da kann ich Verständnis aufbringen. In diesen Momenten kann ich auch immer ein Stück weit verzeihen. Ein sehr schönes, leichtes Gefühl - auch wenn es sich nicht immer in den Alltag rüberretten lässt.

Ich jeden Fall denke ich, dass es essentiell dafür ist, dass man frei und unbeschwert leben kann. Zumindest empfinde ich es tief in mir so.

Falls jemand also ein Patentrezept zum Verzeihen hat - immer her damit, genau sowas suche ich!! ;-)
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Re: Vergeben Verzeihen Vergessen

Beitragvon emuc » 7. Februar 2009 01:24

Hallo Faith,

ich glaube, wir sind uns schon mal begegnet, oder? ;-))) Ich bin gerade über dieses Thema hier gestolpert und möchte nur kurz berichten, wie ich damit umgegangen bin. Ob es ein Patentrezept ist, möchte ich bezweifeln, weil wir ja alle Individuen sind und selbst unsere Erfahrungen sammeln müssen und auch dürfen.

Mir half eine persönliche Erfahrung sehr, was das vergeben & verzeihen angeht: Wenn man so will, hatte ich ein gutes Lehrbeispiel: In diesem Fall war es meine Mutter, die meinen Vater noch über seinen Tod hinaus hasste, für das was er ihr in ihrer Ehe angetan hat. Ich spürte dies sehr deutlich bei ihr, als ich sie seinerzeit darauf ansprach und sie es sich dann doch eingestehen mußte, dass sie ihn tatsächlich (ca. 7 Jahre nach seinem Tod) immer noch nicht verzeihen konnte. Ich habe mir dann die Situation genauer angesehen und mußte feststellen, dass diese Unverzeihlichkeit (ich glaube es ist ein Verhaltensmuster) bei ihr nur dazu führte, dass sie sich selbst damit am meisten Schaden im Laufe ihres Lebens zufügte, weil sie den Menschen dem diese Unverzeihlichkeit ja galt, gar nicht damit wirklich treffen konnte. Auch zu Lebzeiten bekam mein Vater ja nie etwas davon ab, da keinerlei Kontakt mehr zwischen den beiden bestand. Ich entdeckte dabei aber noch eine weitere, nicht gerade geringe negative Begleiterscheinung, wie z.B. dass sie so nie wirklich das Vergangene loslassen konnte (od. wollte). Solange sie also an ihrer Unverzeihlichkeit festhielt, war sie gefangen im Vergangenem (gilt ebenso auch für z.B. Zukunfstängste und -Sorgen). Man weiß ja heute, dass es sehr wichtig ist, im Gegenwärtigen zu leben, weil man nur dort wirklich sich glücklich fühlen kann...

Mir half dies Beispiel sehr, weil ich fortan meine Unverzeihlichkeiten so leichter für mich aufarbeiten und loslassen konnte und mich auch nicht länger nur selbst damit schädigen und einschränken wollte.

Hierzu gibt es eine nette Internetseite, die gerade dieses Thema gut beschreibt. Vielleicht findest Du ja da noch weitere interessante Hinweise:
http://www.zeitzuleben.de/artikel/persoenlichkeit/verzeihen-koennen.html

Wünsche Dir viel Glück auf der Suche nach Deinem "Patentrezept"!

GLG, emuc
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Re: Vergeben Verzeihen Vergessen

Beitragvon Muckelmaus » 7. Februar 2009 09:37

Guten Morgen ihr Lieben!

Da hier noch alles schläft (selbst Klein-Felix :D ) möchte ich die Ruhe nutzen, um meine Gedanken niederzuschreiben.

Ich habe mir all eure Beiträge einmal durchgelesen und dabei kam mir eine Begebenheit aus meinem Leben in den Sinn.

Vor einigen Jahren habe ich selbst eine Therapie gemacht, um meine Kindheitserlebnisse mit meiner alkoholkranken Mutter aufzuarbeiten. Es war ganz klar, dass irgendwann auch mein Vater ein Thema wurde.
Mein Vater verließ meine Mutter, als er hörte, dass sie mit mir schwanger war und kümmerte sich anschließend weder um meine Mutter, noch um mich. Das, was ich von ihm weiß, ist sein Name (weil er auf meiner Geburtsurkunde steht). Ich kenne seine Worte, mit der er die Beziehung zu meiner Mutter beendete und ich weiß, dass er starb, als ich ca. 4 Jahre alt war. Insofern bin ich zwar kein Scheidungskind, aber doch irgendwie auch ein Trennungskind, auch wenn ich mich nie als solches gesehen habe.
Nun ja - die Therapeutin fragte mich, welches Verhältnis ich zu meinem Vater hätte bzw. wie meine Gefühle für ihn seien. Ich antwortete spontan, dass ich keinerlei Gefühle für diesen Menschen hätte und schon gar kein Verhältnis zu ihm. Die Therapeutin bat mich, bis zur nächsten Therapiestunde, einmal in mich hinein zu horchen, ob da nicht doch etwas wäre. Also machte ich meine "Hausaufgaben". Ich stellte fest, dass ich diesen Menschen nicht mochte, weil er meine Mutter im Stich gelassen hatte und mich auch. Aber ich konnte und kann nicht von Hass reden. Es ist eher Unverständnis, das ich seinem Verhalten und ihm entgegenbringe.
Die Therapeutin fragte mich, ob mir bewußt sei, dass es mich ohne ihn nicht geben würde und ob ich ihm sein Verhalten nicht verzeihen könne bzw. ob ich ihn liebe könne. Auch darüber dachte ich lange nach (tue es manchmal heute noch).
Nein - ich kann ihm seine Gleichgültigkeit und sein Verhalten nicht verzeihen, bis heute nicht. Warum "zwang" er mich, durch sein Verhalten, ohne Vater aufzuwachsen? Warum durfte ich nicht, wie so viele andere Kinder einen Vater haben? Ich sehe u. a. sein Verhalten als Ursache für den Alkoholismus meiner Mutter und damit nahm er mir so viel von meiner Kindheit und meiner Mutter von ihrem Leben.
Und ebenfalls nein - ich kann ihn nicht lieben. Wie soll man einen Menschen lieben, den man nicht kennt? Nur, weil er mit dafür verantwortlich ist, dass man selbst lebt?

Verzeihen, das geht nicht so einfach. Das ist ein langer, manchmal schmerzhafter Weg, der hin und wieder (wie bei mir) nicht zum Ziel führt. Für mich bedeutet Verzeihen auch, Reue und ob es meinem Vater leid tat, das werde ich nie erfahren. Gleichzeitig bedeutet es aber für mich auch, dass ich diese Gefühle in mir tragen werde, bis ich eines Tages vielleicht doch in der Lage bin, zu verzeihen und sein Verhalten so anzunehmen, wie es nun einmal war.
Weder er noch ich können das Geschehene ungeschehen machen, wir können die Zeit nicht zurück drehen und noch einmal von vorn beginnen. Es liegt allein an mir, meine Wunden heilen zu lassen und ich spüre, während ich dies hier schreibe, dass sie immer noch tief sind.

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Re: Vergeben Verzeihen Vergessen

Beitragvon Gerda » 7. Februar 2009 11:29

Mein Post verschwand heute nacht kurz vor dem Absenden, als mein Computer sich aufhängte. *GrrrrBrrrr*

Vergessen, damit meinte ich nicht verdrängen. Sondern bei mir ist es so, dass ich etwas verzeihen kann und dann vergesse ich es auch, ist nicht mehr wichtig, nicht mehr in meinem Bewußtsein.

Ich kann mir Deine Situation gut vorstellen, Muckel, denn auch für mich gibt es Dinge, die gehen nicht zu verzeihen. Gewalt, Verrat, sexueller Mißbrauch, Alkoholismus von Eltern z. B. sind Dinge, die kann man einem anderen Menschen nicht verzeihen. ES sei denn, es gibt einen gemeinsamen Friedens - und Verstehensprozess. Ich finde es aber so wichtig, habe ich festgestellt, es mir selbst zu verzeihen, wenn mir Unrecht widerfahren ist. Ich habe mich für vieles Unrecht selbst verurteilt, und ich habe Frieden gefunden damit, dass ich es mir verzeihen konnte.

Außerdem finde ich es einen großen Unterschied, ob es um menschliches Versagen geht, was ich verzeihe kann, oder ob es um Unrecht geht - was viel zu schwer wiegen kann, um es zu verzeihen, verzeihen zu können. Es ist sehr tragisch, dass ´man manche Dinge nicht verzeihen kann, weil sie zu schwer wiegen und man kann deshalb auch nicht heilen, was ebenfalls sehr tragisch ist.

Menschen, die wie in dem "Zeit-zu-leben" Aufsatz dieses nicht differenzieren, machen es sich einfach. Für mich ist das einfach nur unreflektiert moralisch, ohne Empathie und ohne Sinn für das, was uns Menschen möglich ist. So wie Deine Therapeutin, die einfach unreflektiert vorschlägt, deinem Vater zu verzeihen und ihn zu lieben. Ich finde das unmöglich!

LG
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Re: Vergeben Verzeihen Vergessen

Beitragvon Muckelmaus » 7. Februar 2009 12:49

Hallo Gerda!

Ich habe oft versucht, meinen Vater und sein Verhalten zu verstehen bzw. zu hinterfragen. Was trieb ihn zu seinem Verhalten? Da ich ihn selbst nicht mehr fragen kann, bleiben letztendlich nur Vermutungen. Was bewog ihn, meine Mutter mit den Worten "Mit einem Kind kann man keine Beziehung aufbauen!" allein zurück zu lassen?

Ich weiß nicht, ob es wichtig ist, dass mein Vater wesentlich älter war als meine Mutter. Sie war 23, als sie mit mir schwanger wurde. Er war zu diesem Zeitpunkt schon fast im Rentenalter.
Da stellen sich mir viele Fragen. War ihm die Verantwortung zu groß mit einem Kind? War er vielleicht verheiratet und meine Mutter war nur ein Zwischenspiel, von dem niemand erfahren durfte und sollte? Habe ich vielleicht Halbgeschwister?

Als meine Mutter noch lebte, hab ich mich nie getraut, sie all diese Dinge zu fragen. Ich wollte keine Wunden aufreissen und sie evtl. wieder in den Alkohol zurück treiben. Aber vielleicht hätte ich den Mut haben sollen, denn nun werde ich niemals Antworten bekommen.

Die Therapeutin meinte damals zu mir, ich solle ihm dankbar sein, dass er mir mein Leben ermöglicht hat.
Natürlich - rein biologisch betrachtet, hat sie ja recht. Ohne ihn gäbe es mich nicht. Aber ganz so einfach ist es nun mal nicht. Denn in was für ein Leben bin ich hinein geboren? Ich hatte eine Mutter, die trank und damit ihr eigenes und auch mein Leben zerstörte. Ich hatte eine Kindheit, die bedingt durch den Alkoholkonsum meiner Mutter teilweise die Hölle war. Ich bin geprägt durch diese Kindheit und tief in mir sitzt eine tiefe Abscheu gegen jeden alkoholierten Menschen - egal, ob sie mir bei einer Feier begegnen und ich sie kenne oder ob es mir völlig unbekannte Menschen auf der Strasse sind. Gleichzeitig ist da ein tiefes Verständnis und Mitgefühl für alkoholkranke Menschen, denn irgendetwas wird sie dahin getrieben haben.
Hat mein Vater dieses Leben tatsächlich für mich gewollt?

Sicher - es liegt und lag allein an mir, was ich aus meinem Leben mache und wie ich es gestalte und ich kann ihm nicht die Verantwortung dafür geben. Aber tief in mir tue ich es ein Stück weit doch. Ich gebe ihm zumindest eine Teilschuld an all dem Traurigen, was meine Mutter und ich erleben mußten und all das kann ich ihm nicht verzeihen, geschweige denn, dass ich ihn lieben könnte.

So ist für mich Verzeihen und vor allem Vergessen etwas, das nur sehr schwer möglich ist. Daher denke ich, dass jeder Mensch geprägt durch seine Erfahrungen, Erlebnisse einen eigenen Weg des Verzeihens und Vergessens finden muß.

Liebe Grüße
Muckel

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Re: Vergeben Verzeihen Vergessen

Beitragvon emuc » 7. Februar 2009 13:05

@Gerda:

Du hast geschrieben:"Menschen, die wie in dem "Zeit-zu-leben" Aufsatz dieses nicht differenzieren, machen es sich einfach. Für mich ist das einfach nur unreflektiert moralisch, ohne Empathie und ohne Sinn für das, was uns Menschen möglich ist"

Du hast anscheinend nicht den ganzen Aufsatz gelesen, also nur die 1. Seite, oder? Wie bereits erwähnt, handelt es sich, wie von mir bereits erwähnt um keine Patentlösung, sondern bezog sich nur auf den vorhergenannten Beitrag von Faith (deshalb auch @ Faith), der nur als "netter" kleiner Gedankenanreiz für sie verstanden werden sollte.

Hier wird sehr wohl differenziert, wenn man nicht nur schnell die Seiten überfliegt....

Auszug (von der 2. Seite):
Tipp 5: Nicht immer schafft man es allein

Nicht bei allen Sachen ist es möglich, aus eigener Kraft loszulassen und zu verzeihen. Missbrauchopfer, Opfer von Kriminal- und Gewalttaten, aber auch Menschen, die betrogen wurden oder deren Vertrauen zutiefst verletzt wurden, schaffen es oft nicht, sich allein davon zu befreien.

Wenn Sie das bei sich feststellen, sollten Sie über therapeutische Hilfe nachdenken. Das hat nichts mit Schwäche oder Kranksein zu tun, sondern einfach damit, dass Sie es sich selbst Wert sein sollten, die Hilfe anzunehmen, die Sie bekommen können, um freier und glücklicher zu leben. Denn: es ist Ihr Leben.

LG, emuc
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Re: Vergeben Verzeihen Vergessen

Beitragvon Gerda » 7. Februar 2009 13:40

Hallo emuc,

danke, dass du das noch mal so genau darstellst, was dir gefällt an dem Aufsatz. Ich verstehe jetzt auch noch mal mehr, dass du ihn ausdrücklich für Faith verlinkt hast.

Ich habe diesen Aufsatz nur als Aufhänger genommen - auch wenn ich ihn trotz der Dinge, die du zitierst, nicht in allem gut finde - denn es gibt eine Menge Menschen, die so tun, als sei Verzeihen DIE PATENTLÖSUNG. Man müsse NUR verzeihen, und das sei dann die Lösung, und wenn man nicht verzeiht oder verzeihen kann, ist man selber schuld oder wird sonst wie moralisch gewertet. Es gibt sogar Bücher, die das Verzeihen lehren, in dem man Affirmationen sagt, die mit "ich verzeihe dir" beginnen und dann wird alles Unrecht aufgezählt, was die Person einem angetan hat. Ich halte das für psychologisch unhaltbar und für potentiell selbstschädigend. Wenngleich ich unterstreichen möchte, dass ich Verzeihen sehr wichtig finde, wenn es angemessen und emotional stimmig ist. Es als bloße moralische Instanz einzufordern, ohne die ganze Komplexität zu berücksichtigen, ist in meinen Augen oberflächlich und unwirksam.

Die im Aufsatz dargestellte Sicht halte ich aus therapeutischer Sicht für nicht haltbar. Außerdem ist sie veraltet. Früher galt eine Therapie als abgeschlossen, wenn der Klient "verziehen" hat. Das sieht man heute nicht mehr so.
Der Aufsatz stellt es so dar, dass man als Klient und "nicht - verzeihen- KÖnnender" therapeutische Hilfe braucht. Das mag zwar insgesamt so sein, erweckt aber dadurch den Eindruck, das Nicht - verzeiehen - können sei pathologisch. Tatsächlich ist aber das Gewaltausüben das Pathologische.

In der Psychotraumatologie geht man heute davon aus,d ass Gewalttaten nicht oder meist nicht verziehen werden können, weil es viel zu schrecklich ist. Und dass man lernen muß, damit zu leben, denn was nicht verziehen werden kann, kann nicht heilen.

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Re: Vergeben Verzeihen Vergessen

Beitragvon FairyQueene » 7. Februar 2009 14:48

Hallo,

für mich hat sich das über die Jahre geändert. Früher hielt ich es für ein Zeichen von Ich-Stärke, nicht jedem alles zu vergeben, inzwischen merke ich, daß man sich mit einem Eimer voll Wut und Haß im Bauch vor allem das eigene Leben ruiniert und sonst gar nichts.

Einiges kann ich nicht vergeben - z. B. meiner Schwester nicht, daß sie den Kontakt zu unseren krebskranken und sterbenden Eltern abbrach ("Weil sie sich das nicht zumuten wollte", sagt der Eimer Wut, "weil sie psychisch krank ist" , sagt mein besseres Ich, "dann soll sie sich verdammt noch mal behandeln lassen", sagt die Wut ... usw.). Aber hier löst das Vergessen das Verzeihen ab – da die Gefühle sich allmählich abschwächen, da mit dem Alter die Einsicht kommt, daß sich bestimmte Schwestern, äh, Dinge nicht ändern lassen und man gut daran tut, sich im Leben mit Dingen (auch emotional) zu arrangieren, die man nicht ändern kann. – Leider kenne ich einige Scheidungs-"Opfer", ich meine nicht Kinder, sondern verlassene Frauen und Männer, deren ganzes Leben darum kreist, wie gemein es ist, daß sie verlassen wurden. Auch wenn Wut und Haß und Trauer erst einmal ihre Berechtigung haben, muß man sich irgendwann innerlich davon befreien, denke ich.

Schwierig finde ich, mir selbst zu verzeihen, was ich meinem Kind mit der Trennung zugemutet habe. Obwohl es der wichtigste Mensch auf der Welt für mich ist, habe ich mein eigenes Glück wichtiger genommen. Man kann vielerlei dazu sagen à la ein Kind mit unglücklicher Mutter wird auch nicht glücklich - aber das bleibt ein Knackpunkt in meinem Leben.

@ Muckel: Deine Mutter ist nicht Alkoholikerin geworden, weil Dein Vater sie verlassen hat - frag' einen nassen Alkohliker, warum er trinkt, und er wird die 100 solche Gründe nennen, frag' einen trockenen, und er wird dir sagen, daß ihm jeder Anlaß recht war. Deine Wut richtet sich verständlicherweise auf deinen Vater, aber vielleicht ist es Zeit, auch mal auf die trinkende Mutter wütend zu sein? Nur so eine Idee, ... das weißt du natürlich selbst alles besser.

Liebe Grüße in die Runde
Fairy
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Re: Vergeben Verzeihen Vergessen

Beitragvon Muckelmaus » 7. Februar 2009 15:06

Ist es nicht so, dass man erst einmal bereit sein muß, überhaupt zu verzeihen, bevor man sich auf den Weg machen kann?

Ich meine, wenn ich etwas, das mir angetan wurde, nicht verzeihen will, dann werde ich es auch nicht können. Dann bin ich nicht bereit, das Tun oder Handeln - also Gründe - zu hinterfragen, nach dem Warum zu suchen und evtl. zu verstehen. Denn nur wenn ich verstehe, kann ich verzeihen. Ansonsten bleibt das, was mir angetan wurde, für mich ohne Sinn und hat mich verletzt. Wenn ich aber versuche, zu verstehen, warum ich verletzt wurde, kann ich evtl. auch verzeihen.

@ Fairy
Natürlich ist mein Vater nicht der alleinige Grund für den Alkoholismus meiner Mutter. Deshalb sprach ich von der Teilschuld meines Vaters. Meine Mutter wird mit Sicherheit ebenfalls 1000ende Gründe und Gelegenheiten gefunden haben, der ihr Trinken rechtfertigte.
Ich war jahrelang wütend auf meine Mutter wegen der Alkoholkrankheit. Ich habe ihr tief in mir, Vorwürfe gemacht, für all das, was mir ihre Trinkerei angetan hat,für die Einsamkeit als Kind und für all die Tränen, die ich geweint habe.
Ich war ebenso lange wütend auf meine Großeltern, die mich immer wieder ermahnten, ein braves Kind zu sein, eine noch bravere und vor allem angepasste Jugendliche, weil ich sonst schuld sei, wenn meine Mutter wieder zur Flasche greifen würde. Ihr Leitspruch für meine Erziehung war "Kind, pass auf, was du tust oder sagst, sonst bist du Schuld, wenn deine Mutter wieder trinkt!"
Lange Jahre habe ich meinen Großeltern geglaubt und ich war das brave Kind, das sie wollten. Ich war auch die brave Jugendliche, die nie diskutierte oder sich auflehnte gegen Regeln zu Hause.
Es hat lange gedauert, bis ich begriff, dass mir damit ein Stück meines Lebens, meiner Kindheit, meiner Pupertät genommen wurde. Aber irgendwann hatte ich verstanden, dass ich meiner Mutter niemals die Flasche in die Hand gegeben habe und gesagt habe "Trink, du brauchst das jetzt!" Es war ihr Leben, für das sie verantwortlich war und als ich das verstanden hatte, konnte ich loslassen und die Verantwortung für mein Leben übernehmen.

Liebe Grüße
Muckel

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Re: Vergeben Verzeihen Vergessen

Beitragvon FairyQueene » 7. Februar 2009 18:37

Liebe Muckel:
Oh je, das ist wirklich hart. Bei mir in der Familie gab es auch einen Fall von Alkoholismus, um den alle wie auf Zehenspitzen herumgeschlichen sind, um bloß nicht "schuld" zu sein - aber es war jedenfalls kein Elternteil von mir. Das muß wirklich eines der schlimmsten Kindheitsschicksale sein, die man haben kann.
Alles Liebe und weiterhin viel Kraft!
Fairy
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