Du bist nicht mehr mein Feind

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Du bist nicht mehr mein Feind

Beitragvon Yvaine » 12. Juni 2010 11:53

...
Wenn wir aufwachen
Wird der morgendliche Regen
Unseren Schmerz wegwaschen
-denn es hat nie für uns begonnen
Und wird nie für uns enden
...
(Elisa - "Rainbow" http://www.youtube.com/watch?v=i8jdoEQeP-I )

Unabhängig davon, was für eine Situation Elisa damit beschreibt, für mich ist da eine sehr schmerzhafte Aussage darin.
- Es hat nie für uns begonnen und es wird nie für uns enden - und trotzdem wäscht der Regen den Schmerz weg.

So oft ist das doch so, wenn die Kinder zu klein sind, bei der Trennung, dann hat manchmal ein richtiges Verhältnis zu beiden Teilen oder das Verhältnis zum "Familienleben" für sie nicht begonnen - und der Regen wäscht die Schmerzen weg - oder eben auch nicht.
Dazuhin kenne ich das, nachts macht man sich die unmöglichsten Gedanken und hat die unmöglichsten Gefühle und sobald es hell wird (also quasi wieder "Normalität einkehrt") wird es besser, man sorgt sich nicht mehr so, ist nicht mehr so traurig, vielleicht auch nur, weil man wieder funktioniert.)
Diese traurige Zeilen haben mich gerade berührt.

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Re: Du bist nicht mehr mein Feind

Beitragvon MarliJo » 13. Juni 2010 22:48

LIebe Yvainne !

Aus einem anderen Blickwinkel kann ich verstehen, dass es dich traurig macht, dass es für (junge) Kinder, dessen Eltern sich trennen, nicht möglich ist, ein "richtiges" Verhältnis zu beiden Elternteilen und zur Ursprungsfamilie aufzubauen. Ich spüre das als Papa auch mal mehr, mal weniger, dass etwas -unwiderbringlich- verloren ging für die Kinder, wie auch für uns Eltern, was wir uns einmal andern vorgestellt haben.
Es ist seltsam... mal schmerzt dieses >Unwiderbringlich< weil da auch ein (eigenes) Scheitern mitschwingt,.. mal spornt es an, die Vergangenheit hinter mich zu lassen und etwas zu akzeptieren, was ich nicht mehr ändern kann. Das befreit mich in einer gewissen Weise.

Und ganz ehrlich, dieses "nur" funktionieren müssen, war für mich an mancher Stelle hilfreich, einem eigentlich gefühlt, traurigen Moment, etwas entgegenzusetzen, worin ich Sinn erkennen konnte. Das hat etwas von verdrängen, aber ich denke es ist mehr als legitim, so etwas wie Alltagsnormalität einkehren zu lassen oder zumindest danach zu suchen, was den Alltag (wieder) angenehm erleben lässt.

Wenn es für dich nicht der morgendliche Regen ist, der etwas wegwischt, nach einer gedankenvollen Nacht, was gäbe es dann, was dir helfen könnte.
Was wünschst du dir,.. und was kannst du dafür tun, das die Trennung nicht mehr so etwas wie dein Feind ist - unabhängig davon, was deine Eltern tun müssten/sollten ?

Lieben Gruß
MarliJo
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Re: Du bist nicht mehr mein Feind

Beitragvon Yvaine » 14. Juni 2010 01:46

Lieber MarliJo,

danke für deine Antwort - und für deine schwierigen Fragen.

Zuerst: Ja, funktionieren rettet einen so manches Mal vor der Melancholie. Vor dem Tief. Ich, also ich persönlich, finde es sehr legitim, sich "in den Alltag hinein" zu "verdrängen" - also alle Dinge zu verdrängen, die einen Alltag unmöglich oder unschön machen würden.
Wie soll man denn Sein, wenn "das einfachste", nämlich der Alltag schon unerträglich ist?
Ich frage mich nur immer, wo Verarbeiten anfängt (und aufhört, übrigens, und wie das geht frag ich mich auch) und wo Verdrängen aufhört (und wie).

Du schreibst "etwas zu akzeptieren, was ich nicht mehr ändern kann". Ja! JAA!! Mag ich rufen. Das hab ich doch. Weißt du, ich kenn es ja auch nicht anders und ich hab da ja nichts mit zu tun (das kleine Mädchen in mir fragt: "Hast du nicht? Sicher? Ganz sicher? Weil..."). Ich kann es nicht ändern und ich glaube, die Situation an sich möchte ich auch gar nicht ändern.

Ich habe in meinem jungen Leben schon viele Fehler gemacht und ich hadere oft mit meiner Unvollkommenheit. Ich habe ein schlechtes Gewissen, verabscheue mich und würde mich am liebsten bei der ganzen Welt für meine vielen Fehler entschuldigen. Daran erinnere ich mich oft Nachts.
Was mir dann hilft? Wenn der neue Tag beginnt und ich weiß, dass es weiter geht.
Ich weiß, dass ich eine Familie habe, die hinter mir steht, über meine Fehler hinwegsieht, meine Fehler verzeiht oder vielleicht über den eigenen Fehlern für weniger brisant befindet. Freunde, die für mich da sind und mich noch lieben, auch wenn ich einen Fehler begehe.

Nachts kommt die Angst vor dem unweigerlichen und unwiderrufbaren Scheitern, dass einen Zugrunde richtet. Tagsüber kommen Zweifel, ob es das überhaupt gibt, dieses Scheitern, oder ob das nur auftritt, wenn ich resigniere und gar nicht mehr versuche, alles richtig zu machen. Stillstand bringt eben Stillstand, aber bringt Bewegung immer etwas neutrales oder positives. Oder darf es auch mal etwas negatives geben, richtet das einen nicht automatisch zu Grunde??

Über die schwerste deiner Fragen, nämlich was mir helfen könnte, zerbreche ich mir den Kopf - schon lange. Hast du Vorschläge?

Dann würde ich dich gerne, als Scheidungspapa, etwas sehr persönliches Fragen. Ich verstehe aber auch, wenn du darüber nicht reden möchtest, bzw nicht antworten möchtest.
Hast du Schuldgefühle? Ein schlechtes Gewissen gegenüber deinen Kinder? Fühlst du dich auch manchmal kleiner, über dieser übergroßen Situation, die alles anders macht, als aus dem "perfekten Film"? Und wünschst du dir manchmal, dass alles anders wär?

Liebe Grüße und gute Nacht!
Yvaine

PS: Seit Jahren grüble ich nun schon, ob die Trennung eigentlich mein Feind war, oder ob sie nicht eher mein Freund ist....
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Re: Du bist nicht mehr mein Feind

Beitragvon MarliJo » 15. Juni 2010 23:40

Liebe Yvaine !

In deinem letzten Post steckt so viel Inhalt und ich weiß nicht, ob ich ihm gerecht werden kann.
Ein paar Gedanken dazu.
Was das Akzeptieren angeht glaube ich, ist das so etwas wie ein Prozess - ein Prozess, in dem "die kleine Yvaine" gegen die "große Yvaine" angeht.
Doch es ist ganz sicher so, dass du mit der eigentlichen Trennung diener Eltern nichts zu tun hast. Es war und bleibt ihre Erwachsenenentscheidung und du bist davon ""nur"" betroffen. Versuche zu verstehen, dass es keine Entscheidung gegen dich war oder ist, sondern eine Entscheidung gegen den anderen Partner oder die Beziehung mit ihm. Das es den Kindern sehr weh tut, weiß ich.

Klar, hast du Fehler gemacht, bist nicht vollkommen - alles andere wäre UNNORMAL, Yvaine. Aber du darfst NORMAL sein, so wie du bist, bist du eben und entwickelst dich und dein Leben. Wer zwingt dich dazu, perfekt zu sein oder dich so zu fühlen ? Das ist ein wirklich schlechtes Gewissen im wahrsten Sinne des Wortes, wenn es diesen Druck in dir erzeugt, du müsstest immer ganz oben dabei sein, um deinen eigenen Anspruch zu befriedigen. Und,...ich glaube, das so etwas am Ende wirklich nur aufs "funktionieren" hinausläuft.
Genieß stattdessen den Rückhalt und den Zuspruch, den du hast durch Familie oder Freunde. Kennst du den Spruch >ein Freund ist jemand, der zu dir hält, OBWOHL er dich kennt< - Dieses "obwohl" meint sicher die Schwächen, die wir haben und die uns gute Freunde bis zu einer gewissen Grenze nachsehen können. Bist du dir selbst auch so ein guter Freund ?

Ja, und dann ist da noch die Angst vor dem Scheitern. Und ich glaube dir, dass dich das so anfühlt, als ob sie dich langsam Zugrunde richtet.
Aber,...scheitern,..vor wem, vor was eigentlich ?
Und warum ? Hat das mit der Trennung deiner Eltern zu tun, dass DU Angst vor dem Scheitern hast ? Schieb es beiseite !
Ich kenne einen Menschen sehr gut (selbst Scheidungskind), die diesen Anspruch an eine größtmögliche Perfektion versucht(e) zu leben. Der Druck, den sie (meine Ex-Lg) sich selbst damit gemacht hat in manchen Belangen, hat sie auch auf andere übertragen. Das tat mit/uns nicht gut und ich konnte nicht damit umgehen.

Vorschläge konkret habe ich nicht - vielleicht stecken in meinen Zeilen ein paar Anregungen für dich.

Wenn ich dir deine Fragen, ob ich Schuldgefühle oder ein schlechtes Gewissen meinen Kindern gegenüber habe, beantworte, weiß ich nicht, ob du eine bestimmte Antwort "erwartest".
Ich kann sagen, dass ich keine Schuldgefühle oder ein schlechtes Gewissen habe meinen Kindern gegenüber. Und ich glaube auch nicht, dass es ihnen oder mir helfen würde, wenn es so wäre. Sicher war es Anfangs nach der Trennung schon so und da war das Gewissen auch Antrieb, mehr auf die KInder zu schauen.
Es hat sich aber ein Gefühl entwickelt, dass ich mehr oder weniger bewusst in mir trage und mir sagt >ich bin meinen Kindern etwas schuldig< und Das, so denke ich, daraus genährt wird, dass ich ihnen der Situation entsprechend eine bestmögliche Perspektive geben möchte. So in etwa nach dem Motto > wenn sie (meine Kinder) schon nicht das bekommen, was ihre erste Wahl wäre, dann soll sich wenigstens die "zweitbeste" Möglichkeit auch für sie So anfühlen.
Das gelingt mal besser und mal schlechter und hat auch mit der Beziehung auf der Elternebene zu tun.
Klein, weil ich damals manches nicht geschafft oder gesehen habe. fühle ich mich schon manchmal und es gibt auch Tage, an denen ich hadere und denke >es wäre schön, es hätte geklappt mit unserer "Erstfamilie"<. Aber das Rad kann und will ich gar nicht mehr zurückdrehen.
die Zukunft bietet Herausforderung genug.

Soweit einmal.
Dir einen lieben Gruß
MarliJo
MarliJo
 

Re: Du bist nicht mehr mein Feind

Beitragvon Yvaine » 16. Juni 2010 16:53

Lieber MarliJo,

danke schonmal für deine Antwort - ich denke über meine nächste nach.

Liebe Grüße,
Yvaine
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