Absolut Irrationaler Hass

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Absolut Irrationaler Hass

Beitragvon schwarz » 19. Juli 2010 17:49

Schon wieder einer dieser Tage an denen ich alles hasse. Nicht so einen oberflächlichen Hass, so einen den man mit einem einfachen „Ich hasse es!“ oder „Ich hasse dich!“ ausdrückt und es sich damit erledigt hat. Nicht so einen Hass, der rational ist, der für andere nachvollziehbar oder sogar objektiv ist.
Nein.
Sondern ein Hass der sehr viel Abstand von Vernunft und Verstand nimmt. Ein Hass den Niemand verstehen kann. Den Niemand verstehen darf. Den Jemand verstehen will. Die Person dessen Oberschenkel mir als Kopfkissen dienen.


Ich hasse die unbequeme Bank auf der ich liege.
Ich hasse die Rückenschmerzen, die ich morgen haben werde.
Ich hasse die Bäume, die ihre Blätter nicht bei sich behalten können.
Ich hasse die Blätter, die es für nötig halten auf mir zu landen.
Ich hasse die Käfer, die meine Haut reizen.
Ich hasse die Vögel, die pervers fröhlich zwitschern.
Ich hasse den Wind, der meine Friseur versaut.
Ich hasse meine Haare, die nicht weiter meine Augen vor neugierigen Blicken schützen.
Ich hasse die Sonne, die trotz allem immer noch auf mich runter scheint.
Ich hasse ihre Strahlen, die sich in meine Haut brennen.
Ich hasse diesen Stadt, die immer laut und hektisch ist.

Ich hasse die Menschen, die hier überall sind.
Die Geschäftsleute, die ständig telefonierend durch die Straße rennen.
Die Bauarbeiter, die immer dort und dann lärmen wo ich bin.
Die schlechten Straßenmusiker, die mich verfolgen.
Die Kinder, die schreien und lachen.
Die Teenager, die ihren neusten Klingelton vorführen.
Die Eltern, die sie trotzdem lieben.
Die Familien, die zusammenhalten und sich untereinander halt geben.

Ich hasse meinen Vater, der sich noch nie für mich interessiert hat.
Ich hasse meine Mutter, die mich nicht akzeptiert wie ich bin.
Ich hasse die Falschheit, die meine Familie umgibt.
Ich hasse die Heuchelei, die wir jeden Tag betreiben.

Ich hasse Geborgenheit.
Ich hasse Sicherheit.
Ich hasse Zuneigung.
Ich hasse Liebe.

Ich hasse mein lebendiges Kopfkissen, das versucht hinter meine Fassade zu blicken.
Ich hasse es, da es versucht mich zu verstehen.
Ich hasse es, da es versucht nachzuvollziehen.
Ich hasse es, da es mir helfen will.
Ich hasse es, da es meine Mauer einreist.
Ich hasse ihn.

Nein!

Ich hasse mich.
Ich hasse mich, für das was ich denke.
Ich hasse mich, für all den Hass den ich empfinde.
Ich hasse mich, für diese depressiven Phasen.
Ich hasse mich, für das Leid das ich ihm, meinem Kopfkissen zufüge.

- Ich hasse den Hass.
schwarz
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Re: Absolut Irrationaler Hass

Beitragvon Gerda » 20. Juli 2010 12:09

Lieber Schwarz,

ich verstehe sehr gut, dass du hasst. Du hast es mit diesem Text sehr klar ausgedrückt.

Du erlebst so viel Unerträglichkeit - jedenfalls mir würde das so gehen, wenn ich mir vorstelle, an deiner STelle zu sein, dass es mir unerträglich wäre - und das stärkste unserer Gefühle, uns abzugrenzen gegen etwas, was wir nicht wollen, ist Hass. Das schlimme an Hass ist, dass wir uns selbst damit zerstören. Ich spüre das bei mir so, wenn ich hasse, dass es in meinem Herzen irgendwie sich so anfühlt, als schneide ich da mit einem Messer durch, kreuz und quer.

Der Weg, den ich damit gefunden habe, umzugehen, ist, mich selbst zu lieben und zu akzeptieren, so wie ich bin, mit allem. Ich glaube, wenn die Liebe, die wir alle von Natur aus in unserem Herzen tragen, so wenig gesehen und erwidert wird, dann ist eine mögliche Antwort darauf uns Hass. Das lernt man in dieser Kultur. Sich selbst zu lieben lernt man nicht. Das muss man sich irgendwann im Leben selbst beibringen. Macht das irgendeinen Sinn?

Liebe Grüße
Gerda
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Re: Absolut Irrationaler Hass

Beitragvon Volker » 20. Juli 2010 19:55

Hallo Schwarz
herzlich willkommen hier im Forum!
Hass und Irrationalität.... Ja, das was ein Gefühl lebendig macht, dass kann der VErstand kaum begreifen. Zum Glück sind wir nicht nur rational, sondern auch emotional. Wenns sch.. ist ,warum nicht auch benennen? Ich bin überrascht mit wieviel Lebendigkeit und Wahrnehmungsbegeisterung du all die Nuancen deines Hasses beschreibst... Häufig neigen Menschen, die mies drauf sind, dazu pauschale Urteile zu fällen, so nach dem Motto: Alles(!) ist Hass.. Bei dir ist das angenehm anders.
Hasst du auch "Widerstand"???

LG
Volker
P.s: Bist du denn männlich oder weiblich? Aus deinen anderen BEiträgen hab ich das noch nicht entnehmen können :-)
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Re: Absolut Irrationaler Hass

Beitragvon MarliJo » 20. Juli 2010 22:19

Hallo Schwarz !

Ja, diese Tage, an denen man all diese Dinge hasst, von denen du schreibst, gibt es - genauso wie es die Tage gibt, an denen man all diese Dinge liebt und nicht missen mag.
Unbegreiflich und doch immer wieder so menschlich ?!
Gibt es etwas, was du dir - trotz allen sch.. Gefühlen - dir an solchen Tagen wünschst ?

Ist es eine Idee, dass du dich ganz langsam aufmachst und nach und nach versuchst akzeptieren zu lernen, dass es Dinge gibt, die du nicht ändern kannst- Am Ende könnte es vielleicht ein wenig dazu beitragen, dass an solchen Tagen wie heute, genau DIE Dinge, die du heute gehasst hast, in Zukunft (wieder mehr) genießen und lieben kannst ??

MarliJo
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Re: Absolut Irrationaler Hass

Beitragvon schwarz » 21. Juli 2010 16:11

Dann will ich auch nochmal ein paar Worte zu meinem kleinen Text schreiben.

Liebe Gerda,
deine Metapher, dein Bild für dieses Gefühl des Hasses trifft es finde ich sehr gut. Den Weg den du gegangen bist, den gehe ich zur Zeit. Ich würde sogar behaupten schon ziemlich weit gekommen zu sein. Ich habe meine Identität, ich habe akzeptiert, dass ich anders bin. Nur manchmal gibt es diese Tage, die einfach nur sch*** sind.
Ja, leider ist unsere Kultur, unsere Gesellschaft sehr dazu geneigt mit Hass auf Andere(s) zu reagieren, obwohl man selbst sein größtes Problem ist.

Lieber Volker,
ich kann nur eines sagen: Du hast es erfasst.
Ob ich Widerstand hasse? Nein. Das gehört wohl zu den wenigen Dingen, die ich auch an solche sch** Tagen nicht hasse. Widerstand, Rebellion, den Willen etwas ändern zu wollen, dass sind Dinge die m.E. unbeschreiblich wichtig sind.
Ps: Ich bin ein Kerl, auch wenn es eher untypisch für uns Männchen ist solche „Lyrik“ zu schreiben ;-)

Lieber MarliJo, (übrigens faszinierender Nick,)

wie schon du schon geschrieben hast, es ist eine Momentaufnahmen, vielleicht auch eine „Tagaufnahme“ von einem dieser Tage an denen der Hass in mir regiert. Und an diesen Tagen will ich nur das sich was ändert, auch wenn ich klar akzeptieren muss, dass es wenige Dinge gibt die man nicht ändern kann.
Aber du hast recht, auf der anderen Seite sind da wieder all' die Tage an denen ich den Lärm, die Natur, und diesen Freund nicht oder eher niemals missen möchte.

Liebe Grüße Schwarz
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Re: Absolut Irrationaler Hass

Beitragvon Gerda » 21. Juli 2010 16:26

Lieber Schwarz,

das was du geschrieben hast, macht dich mir sehr sympathisch. Das hier finde ich besonders klug:
schwarz hat geschrieben:Ja, leider ist unsere Kultur, unsere Gesellschaft sehr dazu geneigt mit Hass auf Andere(s) zu reagieren, obwohl man selbst sein größtes Problem ist.
Schön, dass es dir gelingt, dich so zu akzeptieren, wie du bist und anders zu sein und dazu zu stehen. Wenn ich lese, dass du Widerstand magst, dann sehe ich darin eine wichtige Stärke in der Beziehung zu deiner Mutter.

Liebe Grüße
Gerda
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