Alleinerzogen - und gerade hat es klick gemacht

Allgemeines Scheidungskinder Forum - Dies ist eine virtuelle Selbsthilfegruppe für Kinder und Eltern in allen Fragen rund um Trennung und deren Folgen.

Alleinerzogen - und gerade hat es klick gemacht

Beitragvon realisiert » 13. Januar 2007 04:52

Hi,

ich brüte jetzt schon eine ganze Weile über diesem Posting ... jeder der kommenden 3 (Ab-)Sätze könnte der Einstiegssatz sein:

1. Seit einigen Tagen surfe ich das Web rauf und runter zu dem Thema, dass mich in meinen über 24 Lebensjahren mit großer Regelmäßigkeit stark beeinflußt hat.

2. Meine Eltern, die sich nicht besonders gut leiden können, haben sich getrennt da war ich 3 Jahre alt, und zu beiden hab ich Kontakt und die beiden haben miteinander Kontakt. Aufgewachsen bin ich bei meiner Mutter.

3. Vor 3 Tagen hab ich plötzlich realisiert (in Ansätzen, glaube ich), was diese Situation in meinem Leben bedeutet hat.

Ich bin Student, und ich bin verheiratet. Ich habe einen Nebenjob, und komme so einigermaßen im Studium voran. Vor ein paar Tagen chattete ich mit meinem Halbbruder, wo er mir mitteilte dass meine Mutter etwas ausversehen von ihm erfahren hat, was sie nicht hätte wissen sollen. Ich hatte mein eigenes Geld für einen dringend benötigten Laptop benutzt, aber hatte bewußt nur meinem Bruder davon erzählt. Nachdem er mir von ihrer Empörung schrieb, war der angebrochene Tag für mich geschmissen ... ich konnte an nichts anderes mehr denken als an ihre Reaktion.

Gegenbeispiel Vater: Kein Gespräch, kein Treffen, ohne rießenlange Reden von ihm über Charakterfestigkeit, harte Arbeit, usw.. Es vergeht keine Woche, in der ich nicht von irgendeinem Wutanfall von ihm über mich über Dritte erfahre, und auch solche Tage sind für mich dann geschmissen.

Das kommende mag so klingen, als wäre ich zu dumm um das einfachste zu sehen, aber ich schwöre so war es: Vor 3 Tagen war es wie immer bei solchen Kontakten mit meinen Eltern (direkt oder indirekt) ... ich war äußerst schlecht drauf, konnte mich nicht konzentrieren, und in meinen Gedanken drehte sich in einem fort alles nur diese Dinge "Warum hab ich den Laptop gekauft ... Ach, alles Bullshit ... War es ein Fehler ... Wieso hat der Vater mir das nicht selbst gesagt ... Was hab ich falsch gemacht ... Warum hab ich den Laptop gekauft!" usw. usf., nur das ich die Heftigkeit dieser Gedanken nicht in Worte fassen kann. Es ist wie ein Feuerwerk, man will sich am liebsten in eine Ecke setzen und schreien. Aber, und das war das besondere, vor 3 Tagen hab ich tatsächlich zum ersten mal darüber nachgedacht, warum ich so schlecht gelaunt bin, was der Grund dafür ist. Die Verbindung mag offensichtlich sein für euch, glaube ich, für mich war sie das vorher jedoch nie. Zum ersten mal hab ich eine Verknüpfung zwischen bestimmten Verhalten meiner Eltern und meinen krassen Stimmungsschwankungen hergestellt. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, kann ich selbst nicht fassen. Niemals hab ich weder eine zeitliche, noch irgendeine persönliche Verbindung in dieser Richtung hergestellt, während ich im gleichem Atemzug eigentlich an nichts anderes als an das gedacht habe, was meine Eltern gesagt hatten, wie sie mal wieder auf mich reagiert hatten, irgendwelche Vorkommnisse halt (jeder für sich).

Danach habe ich den Rest des Tages in Erinnerungen gegrübelt und mein altes Zeug aus Kindertagen durchwühlt. Da kam auch ein Tagebuch heraus, das ich einst als pubertärer Jugendlicher nur sporadisch geführt hatte ... immer dann, wenn es mir am schlechtesten ging. Ich hatte das völlig vergessen. Fein säuberlich dokumentiert steht da drin, dass ich mir die Haut am Bein am Sandkastenrand (DDR-Beton-Rand) bewußt aufgerissen hatte, um eine Pause zu kriegen - von was, steht da nicht, aber ich kann es mir ungefähr denken. Und ich erinner mich an noch ganz andere Sachen ... da war dieser Armbruch ... an schlimmen Nachmittagen, insbesondere wenn mein Vater über Dritte Kritik an mir geübt hatte, hab ich Dinge mit mir angestellt ... mir Schmerzen zugefügt, das ich wie ich mich vor 3 Tagen daran erinnerte ich losheulen mußte, ich konnte garnicht mehr aufhören. Ich hatte Verdauungsprobleme, Verstopfung, mußte sogar mehrfach ins Krankenhaus deswegen.

Da sind noch tausend andere Dinge, und noch heute, nach 3 Tagen, lässt mich das Thema nicht los. Ich hatte glücklicherweise einen wichtigen Auftrag zu erledigen, das hat tagsüber Ablenkung geschaffen, aber in freien Minuten war es als wäre ich wieder 14. Ich krieg seit 3 Tagen kaum noch Schlaf, so schlimm war es noch nie. Meine Gedanken rasen, ich möchte am liebsten in eine Wand rennen, sie sind wie ein Feuerwerk das einfach niemals aufhört zu krachen.

Ich will und werde nicht daran denken was wäre wenn meine Frau nicht da wäre. Sie realisiert vermutlich garnicht, was für ein (Stahlbeton-)Pfeiler sie in meinem Leben ist. Warum? Zur Erklärung nur ein Beispiel: Mein Vater finanziert mein Studium. Er hat nie irgendwas für mich bezahlt, obgleich ich ihn ziemlich oft getroffen und gesprochen habe in meinem Leben ... er ist sicher nicht reich, aber auch kein Bettler, sodaß ich vor meinem Studium zu ihm bin und in einem meiner bisher besten Momente ihn erzählt habe wie es war als Alleinerzogener immer der Ärmste der Klasse gewesen zu sein, und das er seinen Worten Taten in Form von Geld folgen lassen soll, wenn er wirklich mein Bestes will.(noch heute schüttelt es mich, was ich da vollbracht habe) Ich erinnere mich noch gut, dass ich das damals als die (in gewisser Weise) mutigste Tat meines Lebens aufgefasst habe, da ich sonst eigentlich immer große Angst davor hatte, ihn um extra Taschengeld zu bitten, bin sogar lieber arbeiten gegangen (während der Schulzeit) als ihn um Geld zu bitten. Das ich Angst vor ihm hatte, bzw. vor dem wie er reagiert auf mich, ist mir ebenfalls erst vor 3 Tagen klar geworden.
Nach der Sache mit dem Laptop vor 3 Tagen sagte meine Frau, dass ich keine Angst haben sollte wenn Mutter oder Vater mir drohen die Ausbildungsfinanzierung zu kappen wenn ich das Geld nicht nach ihrem Gusto einsetze, sondern dass ich vielleicht in Betracht ziehen sollte mit einem Bildungskredit weiter zu machen, um meine Ruhe zu haben ... das klingt vielleicht unwichtig, aber für mich war in diesem Moment auch die Realisierung dieser Möglichkeit, und dass sie mich dabei unterstützen würde, sowas wie der Lichtblick des Tages! Denn was wenn es doch besser wäre, "recht zu haben" statt weiter unter Konstant-Kritik zu stehen bei jedem Schritt den ich tue.


Uff, das war lang.

Ich frage mich gerade: Hab ich typische Probleme von Scheidungskindern, oder liegen die Ursachen nicht primär dort? Ich möchte das vor allem deshalb wissen, weil ich in Zukunft aktiv damit auseinandersetzen möchte und deshalb eine Einschätzung/Einordnung brauche.

Sollte ich mich von meinen Eltern lossagen, zumindest finanziell?! Ich habe einen starken Drang, dies zu tun. Vielleicht bringt das aber garnix. Ist das nicht ein Streit über Erziehungsmethoden und Erziehungsergebnisse, den die beiden IMMERNOCH über mich austragen? Meine Mutter war diejenige, die meinte ich sollte auch mit meinem Vater regen Kontakt haben ... war das vielleicht genau die falsche Entscheidung? Warum ist es so oft die Mutter, die den Vater (über mich redend) zitiert, und andersherum ... vielleicht sollte ich sie auffordern, damit aufzuhören? Aber dann bleibt noch dieses Unterschwellige ... keinen von beiden kann ich echte Anerkennung für das was ich mache abgewinnen, auch das habe ich realisiert, aber welche Konsequenz ziehe ich nun daraus? Schließlich bringt es mich bestimmt nicht weiter, wenn ich die Probleme in meinem Leben und Alltag einfach auf meine Eltern schiebe, denn selbst wenn das immer stimmen würde, löst es doch keines der Probleme, oder nicht?

Ich weiß, dass sich etwas ändern wird ... aber ich kenne meine aktive Rolle darin noch nicht!
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Re: Alleinerzogen - und gerade hat es klick gemacht

Beitragvon Lonely » 13. Januar 2007 11:58

Hy realisiert!
Das ist eine ziemlich komplizierte situation die du hier beschreibst. Ich denke das du mit vielen deine schlußfolgerungen recht hast. Allerdings ist das aus der ferne immer schwer zu beurteilen.
Ich denke was dir jetzt helfen könnte, ist absolute klarheit, klarheit darüber was du willst und wie es für dich weitergehen soll. Schaff aber auch anderen gegenüber klarheit. Sag deinen Eltern das sie ihren Frust über ihr leben und ihre Probleme nicht an dir auslassen sollen! Ich denk das ist hier einer der Hauptpunkte. Mach ihnen Klar das du erwachsen bist und auch das wenn sie dich finanziell unterstützen, sie dennoch nicht über dein leben entscheiden dürfen (Übrigens Finanzielle unterstützung durch die Eltern: Soweit ich weis hast du ein Recht auf diese unterstützung und solltest du die ablehnen gibts Probleme mit dem Bildungskredit - frag das aber lieber noch mal an Quallifizierter stelle nach aber bei mir ist es so ich muss das Bafög nehmen wenn ich unterhalt von meiner mutter will und umgekehrt.) Mach dir aber auch schon mal klar das es vielleicht nötig ist ein Zeichen zu setzen - das du dich umdrehst und gehst wenn dieser Psychoterror (und das ist es in meinen augen) nicht endet, nicht um sie zu verletzen, sondern um dich zu schützen. Ich mein, du kannst jetzt schon nicht mehr schlafen und gehst verunsichert durch dein Leben, weil deine Eltern gesagt haben . . . ich will dir nichts einreden aber was glaubst du wie lang das noch so geht. Mich erstaunt es eh schon wie du das so lang durchhalten kannst.
Thema Selbstverletzendes Verhalten (SVV): Das du dich damals verletzt hast, um mal raus zu kommen, machst du das heute noch oder ist das endgültig vorbei? (Must du nicht beantworten, es ist mir nur wichtig das du da nochmal gesondert drüber nochdenkst. Manchmal merken betroffene nicht was sie tun, bis sie durch zufall drauf aufmerksam gemacht werden. Das ist das tückische an SVV.
Dein Vater . . . er scheint ein ziemlich kompliziertes Thema in deinem Leben zu sein. Ich schätz mal, Prinzipiell war es nicht Falsch das du versucht hast mit ihm eine "normale" Vater Kind Beziehung auf zu bauen. Wenn du aber einschätzt das es nicht klappt, ist es möglicherweise besser auf abstand zu gehen.
Die Probleme, hm, nein ich denk mal lösen werden sie sich nicht nur dadurch das du deinen Eltern die meinung sagst bzw. den kontakt zu ihnen abrichst aber es könnte dir helfen einsicht in die natur deiner Probleme zu bekommen, wenn du erstmal die (scheinbaren) hauptursachen eleminierst. Allerdings liegen die meisten Probleme sehr viel tiefer und bauen aufeinander auf, das schwierige ist die "Mutter aller Probleme" zu finden und sie rauszuschmeißen. Dazu muss man sich die Probleme einzeln greifen und sie loswerden. Das dauernt seine Zeit und ist nicht von heut auf heut zu bewerkstelligen. Mit der richtigen hilfe ist es aber machbar und ich denke mal, wenn du schreibst das deine Frau eine Stütze in deinem Leben ist, hast du die hilfe vielleicht schon gefunden.
Ich hoffe ich konnte dir weiterhelfen, muss aber gleich dazu sagen das hier nix allgemeingültigkeit hat oder handlungsanweisungen darstellt, es ist lediglich meine meinung und mein eindruck den ich hier vermitteln wollte.
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Re: Alleinerzogen - und gerade hat es klick gemacht

Beitragvon nemo » 15. Januar 2007 15:05

Lieber realisiert,

es gibt Vieles in Deinem Posting, in dem ich mich persönlich wieder erkennen kann - leider auch zum Thema SVV. Ich möchte Dich gerne bestärken in Deinen "Entdeckungs-Gefühlen", ja - und wenn man auch die vielen anderen Geschichten hier liest, scheint da wirklich etwas dran zu sein, so eine Sache kann tief in einem schlummern und sich wie einen dunklen Schatten über das Leben legen. Und man selbst bleibt blind für all diese Verletzungen - und das ist das wirklich tragische und traurige daran. Du aber bist jetzt schon aufgewacht und hast den ersten Schritt geschafft: stehen zu bleiben und genauer hinzugucken, was da eigentlich wann mit dir passiert - und dazu möchte ich Dir gratulieren! Und dich eben bestärken auf diesem Weg zu bleiben!

Kennst Du die Bücher von Alice Miller und ihr KOnzept von Emotionalem Missbrauch? Das, was Du über Deine Eltern schreibst, klingt sehr danach und ist nicht unbedingt bei allen Scheidungskindern geschehen, aber leider wohl bei sehr vielen (bei denen die Eltern selber nichts sehen oder an sich arbeiten wollten). Dieses Problem, Liebe da zu suchen, wo man sie vermutlich niemals finden wird, könnte zB eines der tieferen Probleme sein - das "Schicksal Scheidungskind" alleine (meiner Meinung nach mittlerweile) nicht, der emotionale Missbrauch durch die Eltern ist dem quasi übergestülpt und das eigentliche "Gift". Ein englisches Buch zu dem Thema heisst sogar "Toxic Parents", says it all, nicht wahr? Solche Eltern behaupten gerne, sie wollten ja nur "Dein Bestes".. was sie wirklich damit meinen ist, dass sie nur das Beste *von* Dir wegnehmen wollen, weil sie es gar nicht ertragen könnten zuzulassen, dass es ihren Kindern wirklich gut ginge - das meist auch, weil sie persönlich missbrauchte Kinderseelen waren und immer noch sind, aber das wäre dann wieder ihre Aufgabe, Du als Kind wirst sie da niemals heilen können, nur zum Preis Deines eigenen Lebens! Ich weiss, diese Vorstellung, dass Eltern einem nicht wirklich immer das Beste wollen könnten, ist schrecklich und unvorstellbar, aber leider oft die einzige erste wichtige "Wahrheit", die einem den richtigen Weg zeigen kann.. und der liegt oft in einer Art gesundem Egoismus, einer ARt inneren Gelassenheit oder Coolness, mit der man auch noch die heftigsten elterlichen Vorwürfe an sich abprallen und einfach sein DIng durchziehen kann. Du hast ein recht auf ein gutes, glückliches Leben, es ist Dein Leben, und wieso solltest Du nur leben, um es anderen recht zu machen oder ihnen zu gefallen?

... Was zu dem Punkt Ausbildungsförderung führt: wie Lonely schon sagte, ist es Dein gutes Recht und Dein Vater gesetzlich dazu verpflichtet, Dir diesen Unterhalt zu zahlen (und das übrigens fast der einzige wirkliche Vorteil, den SCheidungskinder "normalen" Kindern ggüber haben ;) - Du brauchst also kein schlechtes GEwissen zu haben, und einen Laptop braucht man heute für ein Studium, keine Angst, jeder (auch Richter) würde so etwas einsehen. Wichtig wäre es allerdings für Dich, Dich emotional von den Ansprüchen Deiner Eltern zu distanzieren. Dein Vater muss zahlen (dafür hat er sich während Deiner SChulzeit fein rausgehalten, wenn ich das richtig verstehe?), und so what? DAfür hat er kein REcht, weiter über dich zu bestimmen! Du solltest aber aufpassen, dass Du Dich von ihm nicht in so eine Falle treiben lässt.

Die finanzielle Unterstützung ablehnen würde ich auf keinen Fall - vor allem, weil es sonst heute wirklich verdammt schwer ist, ein Studium zu finanzieren (was ich selbst versucht habe), aber auch, weil Du es vielleicht als eine Art "Gerechtigkeit" sehen könntest. Weisst Du, mein Vater hat mich damals soweit "bearbeitet", dass ich mehr oder weniger freiwillig auf seinen Unterhalt verzichtet habe - und was habe ich jetzt davon? Einen Studienabbruch bzw geringeren Abschluss, als ich vielleicht hätte erreichen können, und mein ach so armer Daddy fährt 3x im Jahr in Urlaub und finanziert meiner Stiefschwester ihr kleines Häuschen. Solche Eltern ändern sich nie. Da kannst Du noch so "brav" oder "lieb" oder "pflegeleicht" sein. Heute bereue ich es, dass ich ihn damals nicht auf Unterhalt verklagt habe, dann wäre nämlich auch mal so einiges andere auf den Tisch gekommen, von dem ich jetzt wohl nie mehr erfahren werde. Aber, anyway, es geht ja hier um Dich - sorry, für mein langes Posting..

Du hast eine Frau und liebst sie und solltest alles für euer Glück tun und Dich nicht beirren lassen auf Deinem Weg. Auch Scheidungskinder haben ein Recht auf ein glückliches Leben und eine glückliche Familie, und wenn es mit der Ursprungsfamilien nicht hinhaut, dann sucht und gründet man sich eben eine eigene ;)

lieben Gruss
die_nemo
Zuletzt geändert von nemo am 15. Januar 2007 15:08, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Alleinerzogen - und gerade hat es klick gemacht

Beitragvon realisiert » 18. Januar 2007 23:16

Danke für eure Antworten.

Teilweise war ich überrascht, teilweise fühl ich mich sehr bestätigt und bestärkt.

########## ersteinmal an lonely:
Schaff aber auch anderen gegenüber klarheit. Sag deinen Eltern das sie ihren Frust über ihr leben und ihre Probleme nicht an dir auslassen sollen! Ich denk das ist hier einer der Hauptpunkte. Mach ihnen Klar das du erwachsen bist und auch das wenn sie dich finanziell unterstützen, sie dennoch nicht über dein leben entscheiden dürfen
Das klingt wie as richtige, aber ich denke/ich fühl mich noch nicht soweit. Am liebsten würd ich beinahe alle alten Wurzeln wegschlagen.

(Übrigens Finanzielle unterstützung durch die Eltern: Soweit ich weis hast du ein Recht auf diese unterstützung und solltest du die ablehnen gibts Probleme mit dem Bildungskredit - frag das aber lieber noch mal an Quallifizierter stelle nach aber bei mir ist es so ich muss das Bafög nehmen wenn ich unterhalt von meiner mutter will und umgekehrt.)
Nachteilig für mich wäre es, wenn ich von mir aus eine Unterhaltszahlung meiner Eltern ablehnen würde, soweit ich mich da informieren konnte. Aber der neue KfW-Bildungskredit wird unabhängig davon, und ohne Bonitätsprüfung, vergeben. Diesen Kredit gibt es erst seit kurzem, und kann zur monatlichen Sicherund des Lebensunterhalts ausgezahlt werden, bei ca. 5% Zinsen. Für mich sehr interessant.

Thema Selbstverletzendes Verhalten (SVV): Das du dich damals verletzt hast, um mal raus zu kommen, machst du das heute noch oder ist das endgültig vorbei? (Must du nicht beantworten, es ist mir nur wichtig das du da nochmal gesondert drüber nochdenkst. Manchmal merken betroffene nicht was sie tun, bis sie durch zufall drauf aufmerksam gemacht werden. Das ist das tückische an SVV.
Ich erlebe an mir erneut ein Phänomen, dass ich nach heutiger Rückbetrachtung auch früher hatte: Ich kann gerade keinen emotionalen Bezug mehr zu mir selbst von vor ein paar Tagen herstellen. Ich wollte zunächst gleich auf deine Antworten antworten, aber dachte es wäre besser noch ein paar mal darüber zu schlafen. Doch nun kann ich eigentlich nichts mehr dazu schreiben ... es läßt mich kalt. Das sollte es aber nicht. Ich muß zugeben, dass ich mich selbst eher gezwungen habe, erneut in dieses Forum zu schauen und deine Antwort erneut zu lesen.
Wenn ichs beschreiben müßte, würd ich sagen bei mir ist emotional gerade die Batterie leer, was dieses Thema angeht.
Ich konnte dazu nicht finden. Deshalb kann ich nur raten, dass ich gerade erneut halbwegs erfolgreich dieses Thema von mir selbst wegschiebe, oder besser "verdränge".

Ich hoffe ich konnte dir weiterhelfen, muss aber gleich dazu sagen das hier nix allgemeingültigkeit hat oder handlungsanweisungen darstellt, es ist lediglich meine meinung und mein eindruck den ich hier vermitteln wollte.
Doch, du hast mir weitergeholfen. Der Feedback war mir sehr wichtig, es hat mir ein paar Richtungen aufgezeigt, die ich weiter verfolgen möchte. Andere Postings in diesem Forum zeigen, dass viele auf eigene Kosten eine der vielen möglichen Therapieformen genutzt haben. Ich fasse dies nun ebenfalls ins Auge.


######### hallo nemo
es gibt Vieles in Deinem Posting, in dem ich mich persönlich wieder erkennen kann - leider auch zum Thema SVV. Ich möchte Dich gerne bestärken in Deinen "Entdeckungs-Gefühlen", ja - und wenn man auch die vielen anderen Geschichten hier liest, scheint da wirklich etwas dran zu sein, so eine Sache kann tief in einem schlummern und sich wie einen dunklen Schatten über das Leben legen. Und man selbst bleibt blind für all diese Verletzungen - und das ist das wirklich tragische und traurige daran.
Das beschreibt sehr gut den Eindruck, den ich auch habe. Ich war zum Zeitpunkt des Postings glaube ich vor allem wütend ob der Erkenntnis dieser Tatsache. Aber es ist auch jetzt noch ein Stück weit ein beruhigendes Gefühl, so langsam dazu in der Lage zu sein (aufgrund von Alter vielleicht, oder aufgrund des Vorhandenseins des eigenes "Nest" zuhause, wer weiß) diese ganze Geschichte zu betrachten und zu analysieren, und zwar unter der Maßgabe neuer persönlicher Bezugspunkte und Vergleichspunkte, wie beispielsweise der Familie meiner Frau.

Kennst Du die Bücher von Alice Miller und ihr KOnzept von Emotionalem Missbrauch? (...) Dieses Problem, Liebe da zu suchen, wo man sie vermutlich niemals finden wird (...) Ein englisches Buch zu dem Thema heisst sogar "Toxic Parents", says it all, nicht wahr?
Stimmt, der letztere Titel ist wirklich sehr passend, und so gesehen nicht primär ein Scheidungskind-Problem, andererseits hab ich den Eindruck dass es viele Eltern wie die meinen gibt, das die Trennung zwischen meinen Eltern aber ein Katalysator für die ERzeihungsstile meiner Eltern ist, sodaß die Effekte dieses Stiles um einiges anders sind als beispielsweise bei denjenigen meiner Freunde, deren Eltern ich als ähnlich gestrickt einschätzen würde. Mein Tipp ist, dass diese "unerfüllbare Suche nach Liebe", Trennungsangst wenn du so willst, ebend einen negativ verändernder Faktor hin zu den Effekten der Erziehungstaten meiner Eltern ist. Aber ich kann dazu nichts bestätigendes finden.
Ein anderes Buch, EQ, Emotionale Intelligenz, hat mir dein Beitrag ins Gedächnis gerufen. Dieses hatte ich damals parallel zu einem eher "populären" Buches namens Imagedesign gelesen. So sehr EQ logisch war, so war es kaum für mich nachvollziehbar. Ich habe nun nochmals nachgeschlagen und fand darin auch die Lösung dieses Konfliktes. Der unterbwußte, wie auch immer geartete Konflikt mit oder um meine Eltern, hat mich in bestimmten Situationen sehr stark gesundheitlich unter Streß leiden lassen, während andere Situationen wie beispielsweise Vorträge und überhaupt Auftritte vor anderen Menschen eher motivierend denn negativ stressreich für mich waren. Das war, so EQ, im letzteren Fall kein Ausdruck emotionaler Intelligenz, sondern ein fehlender emotionaler Bezug zu meinen Zuhörern - verursacht durch eine - meiner Meinung nach sehr starke - Unfähigkeit zu tieferen Beziehungen, was mich aber in eher "intimeren" Situationen wie Gruppenarbeiten, Freundeskreise, etc. hat jämmerlich scheitern lassen (Gott Lob nicht so mit meiner Frau).
Das Imagedesign-Buch ist insofern für mich zutreffender gewesen, weil es einem rät ebend dies zutun welches ich unbewußt garnicht nicht anders konnte: Emotionale Schilde und Masken aufbauen.

Auch Scheidungskinder haben ein Recht auf ein glückliches Leben und eine glückliche Familie, und wenn es mit der Ursprungsfamilien nicht hinhaut, dann sucht und gründet man sich eben eine eigene ;)
Genau, in diese eine Erkenntnis gibt mir unglaublich viel Kraft.



Danke für eure Antworten, und Glückwunsch zu diesem Forum. Habe viele Stunden schon hier verbracht, und es werden wohl noch mehr werden. Und irgendwann kann vielleicht ich einmal ein gutes Feedback geben. Aber alles zu seiner Zeit.
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Re: Alleinerzogen - und gerade hat es klick gemacht

Beitragvon Lonely » 19. Januar 2007 11:05

Hy realisiert!
Ich wollte dir ja auch nicht sagen das du sofort alle Zelte abbrechen sollst. Lediglich klarheit schaffen war gemeint. Klar ist das nicht leicht und lass dir bitte bitte zeit damit bis du soweit bist. Aber noch ein gedanke dazu, wäre es nicht irgendwie befreiend, ja einfacher, wenn der druck durch deine Eltern endlich mal nachlassen würde?
Hmm ... nachdenken, leere (geistige) batterien, verdrängen wollen und emotionale kälte, das kenn ich alles, es ging und geht mir manchmal genauso (früher öfter und länger als heute). Ich denke das dir aufgrund deines ganzen anderen Stresses, einfach die kraft fehlt dich mit deiner vergangenheit zu befassen. Du weist das das probleme geben wird, das alte wunden die immer noch da sind wieder aufreißen werden und das es weh tun wird und du hast angst davor. Dir gefällt die graue wolke die dich umgibt und dich ausfüllt nicht aber dennoch willst du sie festhalten, aus angst was nach dem abzug dieser wolke kommt. Treff ich da so in etwa den Kern des Problems? Wenn ja, kann ich dir aus eigener, schmerzvoller erfahrung sagen, das es je länger du diese wolke festhälst immer schwerer wird sie zu vertreiben, je länger du deine Probleme verdrängst desto mehr kommen dazu, es wird nicht leichter es wird schwerer. Die Frage die sich nun stellt ist woher die kraft nehmen? Zuerst mal wäre da deine Frau ... du hast geschrieben das dir eine riesen stütze ist, vielleicht kannst du mit ihrer hilfe die kraft finden die dir fehlt. Eine andere Kraftquele sind für mich Erfolgserlebnisse. Setze dir kleinere und größere ziele die du auch erreichen kannst (wenn nötig korrigierst du sie halt später). Mir ist durchaus klar das dass was ich hier schreibe ziemlich viel verlangt ist aber es ist der einzige weg den ich sehe, zumindest in diesem Fall.
In diesem Forum schreiben ist übrigens kein muss, man kann auch einfach mal nur mitlesen.
Im übrigen SVV hab ne kleine nachforschung zu dem Thema gestartet. Hier ein paar adressen, wenn du lust hast kannst du ja mal rein sehen http://www.rotetraenen.de/ http://www.svv-info.de/ http://www.aufrecht.net/utu/svv.html http://www.el4a.net/selbstverletzung1.html . Das sind sozusagen die Highleight. Wenn du bei google SVV eingibts findest du noch viel mehr. Manchmal hilft es, die sicht anderer zu einem thema zu hören um sich auszudrücken.
Ok, viele schlaue sätze später will ich micherstmal verabschieden (sollte ich dir zu nahe getreten sein sags ruhig, ich weis das meine ziemlich offene art nicht ganz unproblemetisch ist (nett gesagt)).
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Re: Alleinerzogen - und gerade hat es klick gemacht

Beitragvon nemo » 20. Januar 2007 12:41

hi realisiert!

realisiert postete

Das beschreibt sehr gut den Eindruck, den ich auch habe. Ich war zum Zeitpunkt des Postings glaube ich vor allem wütend ob der Erkenntnis dieser Tatsache. Aber es ist auch jetzt noch ein Stück weit ein beruhigendes Gefühl, so langsam dazu in der Lage zu sein (aufgrund von Alter vielleicht, oder aufgrund des Vorhandenseins des eigenes "Nest" zuhause, wer weiß) diese ganze Geschichte zu betrachten und zu analysieren, und zwar unter der Maßgabe neuer persönlicher Bezugspunkte und Vergleichspunkte, wie beispielsweise der Familie meiner Frau.
hui, Du bist ganz schön verkopft, nicht wahr? (nicht bös gemeint, ich hab das gleiche "Problem" ;). Ist doch nicht schlimm, wenn Du wütend warst, im Gegenteil, ohne diese Wut und Unruhe hätten wir hier nie von Dir erfahren.. Wut ist ein wichtiger Antrieb, um Zugang zu eigenen, tiefen Gefühlen zu finden, mit "coolen" Analysen allein gelingt das weniger ;) Aber, natürlich sollten darauf auch immer "kontemplative" Phasen folgen. Ich sehe das wie eine Wellenbewegung - ein Gefühl kommt, ich versuche es wahrzunehmen und innezuhalten, die Wut oder Angst darin zu spüren, dann geht es vorbei, und im Nachhinein gucke ich mir alles nochmal an und verstehe vielleicht besser, warum mich was zuerst so gepackt hat. Diese mögl "unüberlegten" Gefühlswahrnehmungen weiß ich mittlerweile zu schätzen als Hilfen auf dem Weg zu meinen wahren Gefühlen, sie sind ganz und gar nicht peinlich, nutzlos oder überflüssig (wie uns unsere Eltern vielleicht glauben machten), sondern im Ggteil, reines Gold!


Stimmt, der letztere Titel ist wirklich sehr passend, und so gesehen nicht primär ein Scheidungskind-Problem, andererseits hab ich den Eindruck dass es viele Eltern wie die meinen gibt, das die Trennung zwischen meinen Eltern aber ein Katalysator für die ERzeihungsstile meiner Eltern ist, sodaß die Effekte dieses Stiles um einiges anders sind als beispielsweise bei denjenigen meiner Freunde, deren Eltern ich als ähnlich gestrickt einschätzen würde. Mein Tipp ist, dass diese "unerfüllbare Suche nach Liebe", Trennungsangst wenn du so willst, ebend einen negativ verändernder Faktor hin zu den Effekten der Erziehungstaten meiner Eltern ist. Aber ich kann dazu nichts bestätigendes finden.
Ein anderes Buch, EQ, Emotionale Intelligenz, hat mir dein Beitrag ins Gedächnis gerufen. Dieses hatte ich damals parallel zu einem eher "populären" Buches namens Imagedesign gelesen. So sehr EQ logisch war, so war es kaum für mich nachvollziehbar. Ich habe nun nochmals nachgeschlagen und fand darin auch die Lösung dieses Konfliktes. Der unterbwußte, wie auch immer geartete Konflikt mit oder um meine Eltern, hat mich in bestimmten Situationen sehr stark gesundheitlich unter Streß leiden lassen, während andere Situationen wie beispielsweise Vorträge und überhaupt Auftritte vor anderen Menschen eher motivierend denn negativ stressreich für mich waren. Das war, so EQ, im letzteren Fall kein Ausdruck emotionaler Intelligenz, sondern ein fehlender emotionaler Bezug zu meinen Zuhörern - verursacht durch eine - meiner Meinung nach sehr starke - Unfähigkeit zu tieferen Beziehungen, was mich aber in eher "intimeren" Situationen wie Gruppenarbeiten, Freundeskreise, etc. hat jämmerlich scheitern lassen (Gott Lob nicht so mit meiner Frau).
Das Imagedesign-Buch ist insofern für mich zutreffender gewesen, weil es einem rät ebend dies zutun welches ich unbewußt garnicht nicht anders konnte: Emotionale Schilde und Masken aufbauen.
ui, und nochmal eine Kopfnote ;) ... Weißt Du - sorry, ich will jetzt nicht altklug klingen - es ist eigentlich ganz egal, mit was für einem Begriff man das bezeichnet oder überschreibt. Den Begriff EQ habe ich immer gemieden, weil er mir zu "verführerisch" klang (EQ/IQ/Messwerte/Tests/Leistungundso/).. Ich denke, Du bist schon ein ganzes Stück weit auf der richtigen Fährte (und hast einen kompliziert verschachtelt konstruierten intellektuell Überbau zur Rechtfertigung dafür gar nicht mehr nötig, höchstens als temporäre Krücken) - durch die Erkenntnis, dass man seine emotionalen Anteile zu lange unterdrückt, nicht wahrgenommen, umgedeutet oder was auch immer hat .. und deshalb auch für andere Leute in solchen Sachen emotional "blind" geworden ist (was quasi immer eine direkte Folge von emotionalem Missbrauch ist!).

Die Schwierigkeit liegt nun darin, diese "abgespaltenen" Emotionen/emotionalen Anteile wieder zu "re-integrieren", dabei helfen auch (Selbst)Therapien oder Beratungsstellen - ich denke, Freunde und Partner sind mit so etwas viel zu schnell überfordert. Weil es einfach eine andere Art von Beziehung ist und sein sollte. Ich gehöre (auch?) zu den (typischen?) Scheidungskindern, die immer überfunktioniert haben, nach aussen hin supererfolgreich wirkten - und doch fehlte da immer was .. der emotionale Bezug zu anderen Menschen. Ich habe sozusagen in einem seltsam gestrickten eigenen Universum gelebt, nicht autistisch, aber, es war, als ob eine bestimmte Tiefendimension gefehlt hat - und zwar genau die, auf die es eigentlich ankommt! Das Funktionieren war damals nötig, überlebenswichtig, ok, deshalb mache ich mir keine Vorwürfe, aber ab einem gewissen Alter wurde es selbstzerstörerisch.. und ich trage heute noch Narben davon (die nur langsam verheilen, aber sie tun es..)

Du hast eine Frau und mit ihr die Chance auf ein glückliches Leben - und das ist verdammt viel wert! Weißt Du, bei mir war es so, dass ich durch die Liebe meines Freundes (mit dem ich jetzt schon 6 Jahre zusammen bin) überhaupt erst auf den Kern meiner Probleme gestossen bin. Ich konnte seine Liebe kaum aushalten.. und das hat mich stutzig gemacht. Aber, statt sofort wieder reißaus zu nehmen oder die Beziehung sonstwie zu beenden, bin ich damals stehen geblieben und hab mich auf die Suche nach den Ursachen meiner "verrückten" Gefühle gemacht. Und heute schaudert es mich, wenn ich versuche, diese Zusammenhänge zu durchschauen, die in sich einer ganz kranken Logik gefolgt waren (s. Alice Miller, Trauma-Theorien etc.) - diese Macht und diesen Ausmaß der Selbstzerstörung, zu der ein emotional missbrauchter und deshalb verunsicherter Mensch offenbar fähig ist, hat mich wirklich schockiert.

Danke für eure Antworten, und Glückwunsch zu diesem Forum. Habe viele Stunden schon hier verbracht, und es werden wohl noch mehr werden. Und irgendwann kann vielleicht ich einmal ein gutes Feedback geben. Aber alles zu seiner Zeit.
Ich wünsche Dir weiter einen guten Reisewind!
& alles Liebe

die_nemo
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Re: Alleinerzogen - und gerade hat es klick gemacht

Beitragvon realisiert_v2 » 27. März 2019 17:40

(Ich war der ursprüngliche Autor des ersten Beitrags in diesem Thread. Leider hab ich die E-Mail-Adresse von damals nicht mehr gehabt.)

Wie ging das damals aus? Als ich hier schrieb, ich überlegte, mich finanziell unabhängig zu machen von meinen Eltern. Für dieses Update habe ich mich hier erneut registriert.

Ich habe in den Wochen nach meinem Beitrag hier tatsächlich einiges geändert in meinem Leben. Danke für euer wertvolles Feedback damals. Ich war damals emotional nicht soweit, hier weiter Antworten zu schreiben. Aber ich hab alles x-mal gelesen, was mir geantwortet wurde.


Also was passierte danach?


Zuerst ein Paukenschlag: Ich brach mein Studium ab, kurz vorm Abschluss. Dann Wechsel auf ein anderes Fach. Das ist rückblickend die beruflich beste Entscheidung meines Lebens gewesen. Aber sie war objektiv betrachtet tatsächlich riskant. Ich wechselte von der sicheren Beamtenlaufbahn in die Geisteswissenschaften, die abschätzig von vielen als Taxifahrer-Diplome bezeichnet werden. Nicht von mir! Job ist Job, da gibt es für mich keine Wertigkeit.

Das sahen meine Eltern etwas anders. Nach einem heftigen Streit verlor ich damals schlagartig sämtliche finanzielle Unterstützung. Der Kontakt zu meinem Vater brach kurz danach komplett ab.

Ich begann jedenfalls sofort, mir Nebenjobs zu suchen, die etwas mit meinem neuen Studienfach zutun hatten. Eine tolle Zeit war das, natürlich im Teilzeitstudium, wegen der Nebenjobs. Doch wie sagt man? Arm, aber glücklich!

Die Jobs legten die Grundlage für meine spätere berufliche Karriere nach dem Studium. Deshalb wurde ich noch vor meinem Abschluss in die Privatwirtschaft übernommen. Prüfungen, Abschlussarbeit und Vollzeitjob gleichzeitig waren wirklich hart, will nicht lügen. Aber es fühlte sich gut an, besonders als der Einser-Abschluss nach ein paar Monaten reinsegelte und ich auch im Betrieb aufsteigen konnte.

Zwischendurch war ich in Therapie. Gesprächstherapie und Medikamente gegen Depression. Will nicht sagen, dass das Wunder half. Aber es normalisierte meine Stimmung, machte mich weniger impulsiv.

In der Zeit musste ich ein paar richtig unbequeme Wahrheiten über mich lernen und akzeptieren. Das meine Verhalten stark von Unsicherheit geprägt war, auch wenn ich nach außen das glatte Gegenteil zeigte. Alles war Angstgetrieben. Das hatte, wie ich merkte, in meinem Leben viele Freundschaften zerstört.

Ich knabbere nach wie vor daran. Kein täglicher Kampf mehr wie früher, zum Glückj. Aber es spielt immer noch eine Rolle.

Was mich zu diesem Forum führt, und warum ich noch einmal zurück gekehrt bin. Nach der Geburt unserer Tochter hat noch mal eine ganz neuer Lebensabschnitt begonnen. Einer neuer Lebensmittelpunkt liegt da jeden Morgen neben mir im Bett und will geknuddelt und bespaßt werden.

Und lasst mich euch sagen: Für Scheidungskinder ist das Elternsein krass anders als für den Rest der Bevölkerung. Klar denkt jeder für sich, er fange mit Kindern bei Null an. Ist ja auch verständlich, so überwältigend, wie das halt mit dem ersten Kind sein kann. Doch hat jeder seinen Familienkontext im Hintergrund, hat gelernt wie man mit Familienstreits konstruktiv umgeht, wie man mit Stresssituationen oder auch positiven Erfahrungen mit Kindern umgeht. Kurzum: Vieles ist normalerweise unbewusst "im Blut", was für ehemalige Scheidungskinder schmerzhaft klar ein Handicap-Spiel ist.

Beispiele:
- Die meisten Eltern helfen ihren Kindern zuhause bei den Hausaufgaben. Völlig normal bei anderen. Bei mir gabs das nicht. Überhaupt waren wir zuhause meistens auf uns allein gestellt.
- Die Herzlichkeit in anderen Familien und jetzt vor allem in meiner eigenen haut mich um. Hätte ich theoretisch früher auch schon mitkriegen können, das andere Familien ganz anders miteinander reden und umgehen zuhause. So richtig klar geworden ist mir das aber erst mit dem eigenen Kind zuhause. Und immer wieder erinnere ich mich in Alltagssituationen daran, wie sehr viel anders es bei mir früher war - wie auch bei anderen Scheidungskindern, mit denen ich befreundet war
- Weihnachten kann schön sein - wer hätte das gedacht? Es ist halt doch nicht normal, die ganze Zeit auf hab acht zu sein weil die Eltern einen Wutanfall kriegen könnten, dessen Ziel man besser nicht sein wollte
- Mein Gott waren wir arm. Das ist schon fast ein Running Gag bei uns zuhause, wenn meine Frau und ich vergleichen, was wir in unseren Kindheiten gehabt haben und was für Reisen wir unternehmen konnte und so. Wo ich vielleicht denke, ich verwöhne unsere Tochter heutzutage vielleicht zu sehr, denkt meine Frau das sei völlig normal oder sogar noch stark zurückhaltend. Verschiedene Kontexte.

Und lauter solche Beispiele. Das Papa-sein bringt viele Erinnerungen zurück. Aber es geht mir gut. Meiner Familie gehts gut. Wir sind nicht reich, aber es lebt sich okay. Was will man mehr?!
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